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Anmerkungen zum Roman: Das dritte PrinzipAus welcher Erzählperspektive schreibt mann einen Roman, der sich - bewusst aus männlicher Sicht - mit dem Tabuthema Vergewaltigung auseinandersetzt ? Ohne in Vorurteile, in Klischees zu verfallen. Ohne das fabulöse Gut-Böse-Spiel zu wiederholen, das die Zustände zu ändern noch nie in der Lage war. Die zunächst gewählte Form, die Ich-Form, stellte vor ein Problem. Stephan, der Anti-Held dieser Geschichte, ist nicht der erläuternde Fachmann, der in spielerischen Exkursen die LeserInnen über die Abgründe der menschlichen Psyche hätte aufklären können. Er ist Täter und Erlebender zugleich. Und nur allzu oft handelt er, ohne das movens seines Handelns zu begreifen. In einer zweiten Bearbeitungsstufe wurde aus dem Ich-Erzähler dann ein „Er“. Das erlaubte eine größere Distanz, ohne allerdings seine Perspektive durch einen allwissenden Erzähler relativieren zu müssen. Noch immer werden die
LeserInnen gezwungen, zwischen den Zeilen zu lesen und von den altbekannten
Klischees Abstand zu nehmen. Das ist keine heile Welt, in die die Lektüre
entführt, auch wenn alles beginnt wie eine ganz normale Liebesgeschichte.
Die vier Hauptpersonen sind Narzissten, krank an sich und der Gesellschaft,
in der sie leben. Jede der vier hat seine eigene Strategie, um der Wirklichkeit
auszuweichen. Aber in ihren zum Scheitern verurteilten Versuchen sind
sie Kinder ihrer Zeit, werden sie zu Prototypen in einer Welt ohne Mitleid.
Wie gesagt, oft bleibt
den LesernInnen keine andere Möglichkeit, als zwischen den Zeilen zu lesen.
Weil das nicht immer einfach ist, finden sich hier im Anhang ein paar
Anmerkungen zu einzelnen Textstellen. Das soll kein Versuch sein, sämtliche
Allusionen des Textes nun wieder zu dechiffrieren. Das Lesen und das Nachdenken,
das Selber-finden und Beurteilen sollen Spaß machen. Warum also alles
klein kauen und in den Einheitssumpf der Kommerzliteratur tunken. Aber
die LeserInnen sollen nach beendeter Lektüre auch nicht das Gefühl haben,
keinen Deut schlauer zu sein als Stephan. Denn dann hätten sie ebenso
wenig begriffen wie er. Und das wäre, bei aller Liebe, fatal. Kapitel 1.2: Jaques
Rivette brachte den Film Céline et Juliet... 1974 heraus. Die beiden
Hauptdarstellerinnen werden in diesem dunkel anmutenden Streifen Chargen
eines Verbrechens, das sie zunächst nur zu verstehen, dann auch zu verhindern
suchen. Die Tragödie, die von Henry James' »The other house« inspiriert
und entlehnt ist, wiederholt sich jeden Tag, auch die schließliche Rettung
des Opfers ist nur Sequenz, denn das Spiel beginnt mit neuer Rollenverteilung
sofort von vorn. Nebenbei wimmelt der Film von Anspielungen und versteckten
Zitaten. Ich überlasse es dem Scharfsinn der LeserInnen zu folgern, warum
ich ihn am Anfang dieses Buches über sexuelle Gewalt erwähne. In Bezug auf die Doors,
die Stephan und Suzanne im Radio hören, gibt sich Stephan naiver als er
ist. Das freundliche Zitat take a long holiday, let your children play
stammt aus dem ansonsten gar nicht so freundlichen Riders on the
storm, einem Song, den Suzanne ein paar Nummern zu düster findet,
zumal das Wetter während der Fahrt der in der Musik skizzierten Stimmung
nicht unähnlich ist. Kapitel 3: Stephan
wird noch des öfteren Brahms auflegen. Das ist nicht nur eine Verbeugung
vor Françoise Sagans Aimez-vous Brahms..., sondern verdeutlicht
den Unterschied zu Bertrand, dem bis jetzt noch nicht in Erscheinung getretenen
Antipoden, einem Beethoven-Liebhaber. Hier geht es nicht um Geschmack,
sondern um einen Lebensstil: der Romantiker trifft auf den Klassizisten. Kapitel 4: Zur
Erinnerung: Am Pont-Neuf ließ Stephan Suzanne aus dem Wagen. Mag er noch
so viel von der Schönheit der Seine schwatzen: dass er sich ein Kino in
direkter Nähe zu Suzannes vermuteter Bleibe aussucht, ist kein Zufall. Kapitel 7: 1991,
im Jahr des Romans, spielte Maria de Medeiros in Phillip Kaufmanns Henry
& June die Rolle der Anaïs Nin, den Prototyp der femme fatal.
Leider ist sie seither in Deutschland kaum noch zu sehen gewesen. 1994
hatte sie in dem vom ZDF koproduzierten Fernsehfilm Tres Irmaos
- Geschwister der jungen portugiesischen Regisseurin Teresa Villaverde
die weibliche Hauptrolle. Kapitel 8: Stephan
interessiert sich nicht die Bohne für Juliette Greco. Daher entgeht ihm
leider, was Suzanne ihm durch die Blume mitzuteilen versucht. Die zitierten
Zeilen aus dem Lied Dans ton lit - (In deinem Bett) lauten:
Es ist ziemlich warm
in deinem Bett Unter der Decke aus Wolle Mach das Licht aus, das
mich stört Und rück nahe zu mir
heran, bitte Das klingt verführerisch
und für Stephan ist damit alles klar, er schaltet seine Ohren auf Durchzug.
Schade, denn das Lied endet: je t'avertis... qui si tu me touches,
je crie (Ich warne dich: wenn du mich anfäßt, schreie ich). Für Ambivalenzen
fehlt dem Jungen das Feingefühl. Kapitel 9: Carol
Gilligan schrieb 1982 das heißdiskutierte Frauenbuch Die andere Stimme
- Lebenskonflikte und Moral der Frau. Für einige war dieses Buch eine
Offenbarung, weil es Gilligan gelang, lang bevor es Mode wurde, die unterschiedlichen
Denkstrukturen von Männern und Frauen herauszuarbeiten und damit den Grund
zu legen für eine explizit weibliche Moral. Für andere war es der Verrat
einer Bewegung, weil Gilligan eben doch "das Weibliche" als Tugend begriff
und somit der Idee der Gleichheit kontraproduktiv entgegenarbeitete. Kapitel 11: Suzannes
Plattensammlung: Die kaum verhüllt religiösen Texte der Prefab Sprout
neben Loosin' my religion von R.E.M., daneben Sting, auf dessen
zitierten Album sich der Englishman in New York befindet. I'm an alien, I'm
a legal alien... das
Lebensgefühl einer Französin in Hamburg. Kapitel 18: Es
wäre müßig, Suzannes Traum in seiner Symbolik hier ganz auszudeuten. Natürlich
hat jedes Bild seine Bedeutung und Anhänger der Jungschen Schule können
sich den Spaß machen, mit einem Traumlexikon an dieses Kapitel heranzugehen.
Wesentlich scheint mir, dass sich Suzanne der Gefahr, in der sie sich
befindet, durchaus bewusst ist. Sie hat Angst vor Bertrands Sexualität,
auch wenn sie sich diese nicht eingestehen will. Im Traum verarbeitet
sie die widersprüchlichen Impulse, löst sie aber nicht auf. Sie kann sich
gegen den Traumfremden nicht wehren und flieht ins Erwachen. Kapitel 20: Zeit,
etwas über die Personennamen in diesem Roman zu sagen? Kader bedeutet
im Türkischen soviel wie Schicksal. Dabei soll hier keineswegs Fatalismus
gepredigt werden. Kader steht hier als Synonym für das, was Sartre als
»Koinzidenz«, Camus als »das Absurde« bezeichnet. Suzannes Familienname
entstammt der griechischen Mythologie. Leriope ist die Mutter des Narcis,
eben jenes Jünglings, der nach einem Fluch sich in sein eigenes Spiegelbild
verliebte und daran zugrunde geht. Dieser Werdegang ist eigentlich nur
zu verstehen, wenn man begreift, dass Narcis bei einer Vergewaltigung
gezeugt wurde. Bertrand heißt Larbaud,
seit ich Valery Larbauds Sämtliche Werke des A.O.Barnabooth gelesen
habe. Er scheint mir der wahre Enkel eines Mannes, der im Jahre 1913 seine
Lyriksammlung mit den Worten zu eröffnen wagt: Blähungen! Blähungen!... Warum
ich Stephan mit einem Namen ausgestattet habe, der in Frankreich zu den
zehn häufigsten Familiennamen überhaupt gehört ? Hat vielleicht mit
der Alltäglichkeit von Sexualdelikten zu tun. Stephan ist niemand besonderes.
Er ist viel normaler und kleinkarierter als Larbaud, auch wenn er sich
das nicht eingesteht. Kapitel 21: »Brokkoli-Nacht«
ist eine Reminiszenz an Garry Marshalls Pretty Woman. Die wollte
doch auch eine ganze Nacht einfach nur vor der Glotze sitzen, ohne
sich zu bewegen wie Brokkoli. Ansonsten sei an dieser
Stelle noch einmal betont: Um sich Informationen über das Thema Sexuelle
Gewalt zu besorgen, gibt es weitaus sinnigere Möglichkeiten als Videos.
Stephan, der von Berufs wegen mit dem Kinofilm lebt, bekommt leider die
Grenze zwischen Fiktion und Realität nicht mehr so ganz hin. Kapitel 29: Das
Achilleion wurde auf Wunsch der korfubegeisterten Kaiserin Elisabeth von
Österreich, bekannter unter dem Kosenamen Sissy, errichtet. Die Sissyfilme
mit Romy Schneider sind allerdings wenig hilfreich, um zu begreifen, was
sich in Elizabeths Kopf abspielen mag. Zuviel Kitsch und Geschichtsklitterung ! Kapitel 31: Die
weiße Frau, die Elizabeth gesehen haben will, tauchte regelmäßig in der
Vita der Habsburger auf. Sie kündete mit ihrem Erscheinen jeweils den
nahen Tod eines Familienmitglieds an. Auch Elisabeth von Österreich hatte
angeblich am 30. August 1898 um Mitternacht von ihrem Balkon in Caux aus
die weiße Frau durch ihren Garten flanieren sehen, einige Tage, bevor
der italienische Anarchist Luigi Luccheni sie auf dem Weg zur Fähre erstach. Kapitel 33: Elizabeth
wird immer konfuser und assoziativer in dem, was sie von sich gibt, ein
Zeichen für den Ausbruch ihrer Krankheit. Sie zitiert Hölderlin, einen
Leidensgenossen. Spannend ist das, was sie nicht sagt. Das von ihr zitierte
Hyperion an Bellarmin fährt fort: »...auch da, auch da finden die
süßen Schrecken mich aus, die süßen verwirrenden tötenden Schrecken.« 1621, 1740 und 1866 erschien
die weiße Frau dem Kaiserhaus. Elizabeth hat ein gutes Zahlengedächtnis.
Auch die Raben waren
Unglücksboten der Habsburger. Es geht die Geschichte, Elisabeth
habe zwei Tage vor ihrem Tod auf einem Felsen sitzend Pfirsiche geschält
und gerade ihrem Reisebegleiter eine Hälfte angeboten, als ein Rabe gekommen
sei und ihr die Frucht mit den Flügeln aus der Hand schlug. Die Reaktion
der Kaiserin: »Ich fürchte mich nicht; ich bin Fatalist, was geschehen
soll, geschieht.« »Quand on parle du loupe...«
ist ein französisches Sprichwort,
das dem deutschen »Wenn man vom Teufel spricht...« entspricht.
Wörtlich übersetzt heißt es: »Wenn man vom Wolf spricht, zeigt er seinen
Schwanz.«. Die Tendenz, Symbole und Sprichwörter allzu wörtlich zu nehmen,
wie auch die Maniriertheit der Wortwahl sind Ausdruck einer typischen
Denkstörung bei schizophrenen Psychosen. Kapitel 36: Wenn
Stephan der Rainbird Pattern von Victor Cannings bekannt vorkommt,
dann liegt das sicherlich an der Verfilmung von Alfred Hitchcock unter
dem Titel "Das Familiengrab". Kapitel 49: Nach
einer Schätzung von Groth und Burgess (s. Literaturanhang) hat einer von
drei Vergewaltigern bei der Tat Erektions- oder Ejakulationsstörungen.
Dies ändert jedoch nichts am Straftatbestand. Kapitel 51: Meerestiere
gelten aufgrund ihres hohen Phosphorgehalts von alters her als natürliche
Aphrodisiaka. Isabelle weiß sehr wohl darum, wenn sie »irgendetwas von
Phosphor erzählt«. Das Mißverständnis zwischen Larbaud und Stephan läßt sich leicht aufklären: Natürlich stammt Jules und Jim von dem Franzosen Henri-Pierre Roché, der in diesem Roman seine Freundschaft zu dem jüdischen Schriftsteller Franz Hessel aufarbeitet. Wirklich bekannt wurde das 1951 erschienene Buch jedoch erst durch die Verfilmung François Truffauts aus dem Jahre 1962.
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