Backgroundmaterialien zum Roman "Das dritte Prinzip"






Der neue Roman des Hamburger Autors Norbert Krüger: Das dritte Prinzip Norbert Krüger
Das dritte Prinzip
. Roman
Paperback
192 Seiten, 15,5 x 22 cm
€ 12,80/sFr 18,90
ISBN 3-8311-3221-6
Zum Inhalt dieser Seite:
Kurzinhalt
Langinhalt
Interview mit dem Autor
Leseprobe
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Kurzinhalt:


Auf dem Weg von Hamburg zu seiner Pariser Wohnung lernt der Filmkritiker Stephan die junge Studentin Suzanne kennen. Nur langsam kommt er hinter ihr düsteres Geheimnis: drei Jahre zuvor wurde sie während eines Korfuurlaubs von einem ortsansässigen Künstler vergewaltigt. Für Stephan, der das Leben bisher von seiner leichten Seite genommen hat, bricht die Wirklichkeit unvermittelt in seinen Alltag ein.

In seiner Verwirrung sucht er Antworten auf die drängendsten Fragen: Wie soll er mit der zutiefst verletzten Suzanne umgehen? Was kann er dieser Untat entgegensetzen? Aber auch: Was treibt einen Mann dazu, das Leben einer Frau derart sinnlos zu zerstören? Entschlossen macht er sich auf die Suche nach dem Vergewaltiger. Doch die Begegnung verläuft vollkommen anders als erwartet...



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Langinhalt:


Per Mitfahrzentrale lernt der Filmjournalist Stephan Moireau die Französin Suzanne kennen. Ihr widersprüchliches Wesen fasziniert ihn und je besser er sie kennenlernt, desto mehr versucht er, hinter ihr Geheimnis zu kommen: denn in ihrem Leben scheint es einen Bruch gegeben zu haben, der einen Schatten auf die einstmals unternehmungslustigen, selbstbewußte Frau legte.
Nach einer Phase des Kennenlernens - der Kristallisation, wie Stendhal die Verzauberung einmal genannt hatte - erzählt Suzanne ihm von ihrer Vergewaltigung, die ein paar Jahre zurückliegt. Je mehr Stephan versteht, wie dieses Ereignis ihr Leben beeinflußt hat, desto größer wird seine Wut auf den Vergewaltiger, den auf Korfu lebenden Künstler Bertrand Larbaud.
Er beschließt auf die Insel zu reisen und Larbaud zur Rede zu stellen. Larbaud jedoch ist anders, als Stephan es sich vorgestellt hat. Mehr und mehr gerät er selbst in den Bann dieses Mannes und schließt am Ende gar Freundschaft mit ihm. Nur allmählich gelingt es Stephan, hinter Larbauds Lebenslügen zu schauen und ihn zu demaskieren. Doch zu diesem Zeitpunkt hat Stephan bereits am eigenen Leibe erfahren, daß eine naive Einteilung in gute und schlechte Menschen nicht funktioniert.

Der Roman folgt Descartes in seinem im „Diskurs über die Methode" beschriebenen Weg zu einer tieferen Erkenntnis der Ethik: Dessen erstes Prinzip lautet, den Moralvorstellungen der Gesellschaft zu folgen. Von der Richtung, die er einschlägt, so sein zweites Prinzip, will er bis zum Ziel nicht mehr abweichen, selbst wenn deren Wahl nur auf einem Zufall beruhte. Sein „drittes Prinzip war, stets zu versuchen, lieber mich zu besiegen als das Schicksal und lieber meine Wünsche als die Ordnung der Welt zu verändern und ganz allgemein mich an die Überzeugung zu gewöhnen, daß nichts gänzlich in unserer Macht steht als unsere Gedanken."

Die Langinhaltsbeschreibung wird Journalisten und Rezensenten auf Wunsch über hier verlinktes Formular gern kostenlos zugesandt. Um potentiellen Lesern aber nicht das Leseerlebnis zu nehmen, findet sie sich nicht mehr in diesem Internet-Portal. 


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Interview mit dem Autor:


Worum geht es im "dritten Prinzip"?
NK: In erster Linie ist es ein Buch zum Thema Narzissmus und Selbsterkenntnis, aber auch - und das ist ja die offensichtliche Seite des Romans - um Vergewaltigung und ihre Folgen: Ein junger Filmkritiker verliebt sich in eine Frau und erfährt von ihr, dass es ihr nur mühsam gelingt, mit ihrer drei Jahre zurückliegenden Vergewaltigung umzugehen. Seine ganze, heile Welt bricht in diesem Augenblick zusammen und er beschließt, sich auf die Suche nach dem Täter zu machen.

Warum schreibt ausgerechnet ein Mann so ein Buch?
NK: Es existieren mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern von Frauen für Frauen, die sich mit dem Thema Vergewaltigung auseinander setzen. Bei meiner Suche nach Antworten merkte ich jedoch, dass so gut wie kein hilfreiches Material für Angehörige zu bekommen und nebenbei auch kaum etwas über die Position der Täter bekannt ist. Denn natürlich stellt sich irgendwann die Frage nach dem Warum.
Ich begegnete in relativ kurzer Zeit mehreren Frauen, die mir von persönlichen Erfahrungen mit sexueller Gewalt erzählten. Und ich wurde mir meiner völligen Unfähigkeit bewusst, adäquat auf sie und ihr Schicksal zu reagieren.
Viele Frauen, die mit einer zurückliegenden Vergewaltigung zu kämpfen haben, wünschen sich ja einen Partner, der ihre Empfindungen nachvollziehen kann. Mit diesem Roman wollte ich ein Buch schreiben, das so spannend ist, dass es auch Männer erreicht, die sonst eher Berührungsängste bei dem Thema haben, und die um Ratgeberliteratur einen großen Bogen machen. Meine Hoffnung war ein Buch, das betroffene Frauen ihren Männer schenken können, um ihnen zu verdeutlichen, was sie durchgemacht haben und durchmachen. Und das den Dialog nicht durch Schwarzweißmalerei verbaut.
Die Frage impliziert ja, Vergewaltigung sei ein "Frauenthema". Aber ohne uns Männer gäbe es das Problem nicht. Darum scheint es mir enorm wichtig, dass wir uns auch damit auseinandersetzen.

Haben Sie Antworten gefunden?
NK: Nur bedingt. Die Ansätze, die Soziologen, Psychologen, Verhaltensforscher und Anthropologen zu dem Thema bieten, unterscheiden sich an vielen Punkten und sind kaum miteinander kompatibel. Für den Roman habe ich mich darauf beschränkt, zwei verschiedene Täterprofile gegeneinander zu stellen.
Für die drängendere Frage, der nach dem Umgang mit vergewaltigten Frauen, ist es noch schwieriger, allgemeingültige Antworten zu formulieren. Meine erste Vermutung, Frauen, denen so etwas angetan wird, müssten automatisch zu Männerhassern werden, hat sich nicht bestätigt. Wichtig für Männer, deren Partnerinnen vergewaltigt wurden, sind sicher die Fähigkeit, zuhören zu können und viel Geduld. Ein Trauma wie das durch eine Vergewaltigung ausgelöste braucht viele Jahre der Heilung. Mir ist aber deutlich geworden, dass jede Frau ihre ganz eigenen Strategien entwickelt, mit einem derartigen Erlebnis umzugehen. Von außen aufgedrückten Lösungen, um den "Heilungsprozess" zu forcieren, begegnen die betroffenen Frauen - zu Recht - mit Skepsis und Ablehnung.

Auch die Hauptfigur Stephan reagiert nicht besonders einfühlsam auf Suzanne...
NK: Stephan ist auch eher ein "Antiheld". Hier kommt die zweite Ebene des Romans zum Tragen. Stephan erlebt die Vergewaltigung Suzannes als Angriff auf seine private, heile Welt. Dies ist gar nicht so selten. Viele Fälle von Selbstjustiz beruhen ja auf der Vorstellung, man könne die Gerechtigkeit in dieser Welt wieder herstellen, wenn man nur die Täter einer "gerechten" Strafe zuführt.
Dass es ihm bei seiner Reise nach Korfu mehr um sich als um Suzanne geht, wird im dritten Kapitel deutlich, wo sie ihn vor die Alternative stellt: entweder Korfu oder ich. Das Bedürfnis, seine eigene heile Welt zu retten, ist so groß, dass er dafür seine Beziehung zu opfern bereit ist.

Womit wir beim Thema Narzissmus angelangt wären?
NK: Ja. Jede gut erzählte Geschichte hat neben der Handlungsebene eine Substory, einen im Hintergrund liegenden doppelten Boden, der hilft, das Gelesene zu deuten. Dieser Background erst macht die Motivation der Protagonisten transparent. Im "dritten Prinzip" ging es mir darum zu zeigen, dass die vordergründige Zufriedenheit, in der wir leben, sehr oft einen hohen Preis hat.
Vielleicht bis auf Suzanne leben alle Protagonisten in einer Scheinwelt, auch wenn das auf den ersten Blick nicht unbedingt auffällt. Sie haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um sich nicht der Wirklichkeit stellen zu müssen. Aber das scheint mir ein normales Verhalten in dieser Gesellschaft zu sein.

Viele behaupten ja, Narzissmus sei ein neuer Sozialisationstypus.
NK: Da kommen wohl mehrere Punkte zusammen. Durch die zunehmende Informationsvernetzung werden wir darauf trainiert, schlechte Nachrichten schnell zu verdrängen. Unsere Psyche hat überhaupt nicht die Kapazität, mit all dem Negativen um uns herum sinnvoll umzugehen. In Großstädten führt das dahin, dass die Leute wegsehen, wenn Unrecht direkt vor ihrer Nase passiert. Es betrifft sie nicht mehr. Dass dabei die Seele Schaden nimmt, ist kein Wunder.
Auf der anderen Seite gibt es immer weniger ökonomische Notwendigkeiten, sich ernsthaft auf ein Gegenüber einzulassen. Die Gesellschaft vereinzelt und hebt dabei das eigene Ego auf den Thron, weil ein objektives Korrektiv immer weniger zugelassen wird.
Wenn ich also einen Roman vor dem Background des Narzissmus schreibe, so in erster Linie deshalb, weil ich glaube, hier liegt ein hohes Identifikationspotenzial für den Leser. Mir geht es nicht darum, ein spezielles Krankheitsbild zu diagnostizieren und zu benennen, sondern darum, den Schein der Gesundheit von unseren Abwehrstrategien zu nehmen, die Seele bloßzulegen. Das war von jeher Kern und Aufgabe der Literatur.

An manchen Stellen im Roman wechselt die Erzählperspektive unerwartet von der dritten in die erste Person. Steckt dahinter ein Bekenntnis zum eigenen Narzissmus?
NK: Den ersten Entwurf des Romans habe ich tatsächlich in der Ichform geschrieben, um mir den Zugang zu meinem Antihelden Stephan zu erleichtern. In einigen Textpassagen schattet diese erste Fassung noch durch.
Es ist meiner Ansicht nach unmöglich, einen Roman zu schreiben, ohne sich völlig in die handelnden Personen hineinzuversetzen. Für mich war das eine der wichtigsten Erkenntnisse während des Arbeitsprozesses: je näher ich eine Person und ihre Geschichte kennenlerne, desto weniger bin ich in der Lage, ihr Verhalten zu verdammen. Das führt nicht dazu, ein Verbrechen gutzuheißen. Aber es bewahrt vor Selbstgerechtigkeit.

Aber steckt hinter den offensichtlichen Fehlern im Roman nicht auch ein schlampiges Lektorat?
NK: Das stimmt. Irgendwann tritt bei jedem Autoren eine Phase der Blindheit gegenüber seinem eigenen Text ein. In dieser Situation ist er auf einen guten Lektor angewiesen.
Mich hat das Vorwort von Oliver Goldsmith zu seinem Roman The Vicar of Wakefield getröstet. Ihm muss es ganz ähnlich gegangen sein, als er schrieb: There are a hundred faults in this thing, and a hundred things might be said to prove them beauties: but it is needless. A book may be amusing with numerous errors, or it may be very dull without a single absurdity. - Immerhin ist das Ergebnis ein Stück Weltliteratur geworden.

Vielen Dank für das Gespräch.



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Leseprobe:


Es war nur eine Frage der Zeit, bis Bertrand Suzanne zu sich nach Hause einlud. Am Vormittag ihres dritten Tages fragte er sie, ob sie sein Haus besichtigen wolle und sie war von dieser Idee sehr angetan. Sie aßen gemeinsam in Astrakeri zu Mittag und fuhren dann weiter zu ihm.
Das Erdgeschoss bestand im wesentlichen aus einem großen Raum, der zugleich als Wohnzimmer und Küche diente. Links der Eingangstür standen über Eck an der Wand zwei hölzerne Bänke, auf die Bertrand einige Kissen unterschiedlicher Farben und Formen gelegt hatte, davor ein schwerer massiver Tisch, der als Esstisch diente, alt an Jahren, mit etlichen Kerben, die an lange, durchzechte Nächten erinnerten, dem Möbel aber nur um so mehr Würde verliehen.
Der Eingangstür gegenüber befand sich die Kochecke: ein alter Holzfeuerherd, daneben aufgestapelt zerklaftertes Feuerholz, eine Kiepe, alt und verrußt, sowie einige alte Zeitungen, die ihm zum Feuermachen dienten. An der Wand hingen an wahllos in die Mauer geschlagenen Nägeln diverse Töpfe, Pfannen, Handtücher, Bürsten, Siebe und andere Haushalts- und Küchenutensilien.
Rechts der Kochmaschine stand die Spüle, ein großes Steinbecken, links die Treppe in den ersten Stock hinauf. Die Küchenecke bildete eine Nische, links gesäumt von der steilen Treppe, rechts vom einzigen weiteren im Erdgeschoss befindlichen Zimmer, in dem ein Sofa und Bertrands Kleiderschrank standen.
Den Platz rechts der Eingangstür nahm eine hohe Staffelei ein. Bertrand hatte auf einer Leinwand eine Bleistiftskizze seiner neuen Arbeit angefertigt, eine Landschaftsszene, Paleokastrítsa. Einige wenige Farbtupfer probierten ihre Wirkung aus, isoliert, das spätere Bild nur ahnen lassend, eingetrocknet. Lange war an diesem Bild nicht mehr gearbeitet worden, irgendeine andere Tätigkeit hatte Bertrands Energie fortgelenkt auf ein Ziel, das ihn zumindest für eine Weile mehr faszinierte als die Harmonie der Farben, als das geschickte Nebeneinander bunter Öltupfer, die später irgendeinen beliebigen Touristen in der Galerie an eine glückliche, verträumte Sekunde erinnern und zum Kauf animieren würde.
Einen Moment blieb Suzanne vor dieser Staffelei stehen, verlor sich in ihren Träumen, tauchte ein in die Aura heiteren Gleichmuts, die von dieser Arbeit ausging. Nicht das Bild an sich faszinierte sie, sondern Bertrands Gelassenheit in seinen kreativen Prozessen, welche diese Staffelei symbolisierte. Er gab dem Gestell Raum, offensichtlich ohne sich dadurch zu irgendeiner Aktivität gedrängt zu fühlen, ohne sich durch die ausstehende Vollendung des Bildes irritieren zu lassen. Wahrscheinlich war es genau das: in dieser Zeit, wo jeder und alles sich in den Mittelpunkt drängte, nahm Bertrand seine Malerei nicht ernst, sie war ein Spiel, Selbstzweck und gerade dadurch von verführerischer Leichtigkeit.
"Du wohnst allein hier?"
"Zusammen mit Cephisus." Er zeigte auf den braunen Kater, der beim Fenster in der Sonne lag. "Eigentlich ist das seine Wohnung hier. Er lebt länger als ich in diesen Räumen. Als mich der ehemalige Besitzer das erste Mal hierher führte, lag Cephisus auf dem Herd und beäugte jeden meiner Schritte. Ich hatte keinen Grund, ihn hinauszuwerfen. Also leben wir jetzt gemeinsam hier. Er kommt und geht, wie`s ihm passt und ich tu`s ihm nach. Wir sind uns keine Rechenschaft schuldig, weder ich ihm, noch er mir. Vielleicht findet er irgendwann einen Platz, wo es ihm besser gefällt. Dann zieht er um. Wahrscheinlich aber werde ich es sein, der irgendwann einfach nicht wiederkommt. Katzen sind sesshaft, heißt es."
"Ist dir Cephisus denn nicht ans Herz gewachsen?"
"Du meinst, ob ich ihn vermissen würde. Doch, sicher. Er ist ein kluges Tier und hat mir viel beigebracht. Oft, wenn ich ihn brauche, ist er da, lässt sich streicheln und schnurrt mich zur Belohnung an."
"Was meinst du damit, wenn du sagst, er hätte dir viel beigebracht?"
"Von Cephisus habe ich gelernt, mit Menschen umzugehen. Früher ging ich auf Leute gerade zu, wenn ich sie schön fand, oder wenn sie mich interessierten. Die wenigsten konnten damit umgehen, sie schreckten zurück. Ceph' schaute mich tagelang nur aus der Ferne an. Jedes Mal, wenn ich auf ihn zuging, um ihn zu streicheln, wich er zurück. Manchmal blieb er dann tagelang verschwunden. Ich merkte, dass er meine lauten Schritte auf der Treppe nicht mochte, dass er meine energische Stimme unerträglich fand, dass er keine schnellen Bewegungen vertrug, - all das machte ihm Angst.
Aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, gut mit ihm zurechtzukommen, denn immerhin wohnte er ja genauso hier wie ich. Also bewegte ich mich vorsichtiger, ruhiger, sprach leiser. Das gefiel Ceph'. Er ließ sich immer noch nicht anfassen, aber er sprang auch nicht mehr nervös auf, wenn ich in seine Nähe kam.
Irgendwann einmal habe ich mir aus der Stadt ein Buch mitgebracht und war so fasziniert davon, dass ich mehrere Stunden in dem Sessel dort saß und las. Nach sechzig, vielleicht siebzig Seiten merkte ich, wie Ceph' sich von seinem Stammplatz unter der Treppe erhob und auf mich zukam, ganz langsam, so, als geschähe es völlig unabsichtlich. Weitere zwanzig Seiten später schnüffelte er an meinen Beinen. Zu diesem Zeitpunkt las ich eigentlich nur noch, um abzuwarten, wie weit er gehen würde. Er kam an dem Abend zum ersten Mal auf meinen Schoß und ließ sich streicheln. Das war lange Zeit sein Ritual. Wenn ich auf ihn zuging, verschwand er. Setzte ich mich aber und blieb eine Weile unbeweglich, kam er und wollte mit mir schmusen.
Ich habe diese Lektion begriffen: da zu sein, ohne Forderungen zu stellen, das Angebot zu machen, auf mich zuzukommen, Zeit zu haben, dem anderen Zeit zu geben, sein eigenes Tempo einzuschlagen."
"Und trotzdem würdest du ihn gehen lassen?"
"Was wäre meine Enttäuschung über sein Fortgehen im Vergleich zu dem Verrat, ihn einzusperren? Ich mag ihn, weil er frei ist. Hätte ich Angst davor, dass er irgendwann weiterziehen könnte, wäre meine Beziehung zu ihm von dieser Angst geprägt, nicht von jener wertschätzenden Sympathie, die uns derzeit verbindet. Seine Lektionen hätte er mich umsonst gelehrt, wenn ich ihn jetzt versuchte festzuhalten."
Suzanne wünschte, Bertrand käme, sie in den Arm zu nehmen, um sie ebenso zu lieben wie seinen Kater. Und doch wusste sie, er würde es ihr überlassen, den nächsten Schritt zu gehen.

© Norbert Krüger. (Auszug aus: Das dritte Prinzip. Hamburg: éditions ennka. 2002 S.44-46)

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Auf der Homepage des Autoren Norbert Krüger befinden sich weitere Artikel zur Frage der Ethik, wie sie im "Dritten Prinzip" angerissen werden. Sie finden sie unter:

Das Ende des christlichen Abendlandes
Christliche Ethik - eine Einführung

Weitere Hintergrundinformationen über den Autor finden Sie unter:

Bibliographie Norbert Krüger
Homepage Norbert Krüger



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