Das "Making of..." zum Roman "Das dritte Prinzip"



Vorneweg eine Warnung. Auf der Web-Seite, die Sie gerade angesurft haben, geht es um die Herangehensweise an einen Roman. Es wird viel über Aufbau, Vorarbeiten und ähnliches geredet. Dabei lässt sich nicht ganz vermeiden, auch Dinge über die Geschichte selbst zu erzählen, die sich ein Leser normalerweise lieber "erliest", erarbeitet. Für all diejenigen, die also überlegen, den Roman selbst zu lesen, und die keine schriftstellerischen Ambitionen haben, sei dringend empfohlen, sich diese Seite wenn überhaupt, erst nach der Lektüre anzusehen. Ein Teil des Spaßes ginge sonst unweigerlich verloren.
Für diejenigen hingegen, die argwöhnen, bei dem "Dritten Prinzip" könnte es sich um eine Art Lebensbeichte handeln, kann ich diese Seite nur wärmstens empfehlen, zeigt sie doch, wie viel Arbeit hinter so einem Roman und seiner Planung steckt - und das das Leben und die Kunst eben zwei völlig verschiedene Dinge sind.

 

 

 

Am Anfang jedes Romans steht die simple Frage: Was will ich erzählen? Es ist eine gute Übung, die Geschichte möglichst früh auf zwei oder drei Sätze zu reduzieren. Im Fall dieses Romans sah der Start etwa so aus:

Stephan lernt auf dem Weg nach Paris eine Frau kennen und verliebt sich. Als er erfährt, dass sie vor ein paar Jahren vergewaltigt wurde, beschließt er, den Täter zur Rede zu stellen. Doch die Begegnung verläuft vollkommen anders als erwartet, denn der Vergewaltiger entspricht so gar nicht den hergebrachten Klischees. Nur mühsam gelingt es Stephan, hinter die Kulissen zu schauen.

Die nächste Frage war die nach dem Aufbau des Romans. Mir ging es erst einmal noch nicht um eine Feinstruktur, sondern um das grobe Raster, innerhalb dessen sich die Geschichte entwickelt. Deswegen galt es, die vier Eckpfeiler der Story zu definieren:

Schluß: Stephan begreift, dass es nicht Bertrand ist, der diese Welt unliebsam macht. Das Zerstörerische, was er durch Bertrand beseitigen wollte, ist genauso in ihm selbst. Auf der Fähre nach Italien hat er die Vision von den Sternschützen.

Anfang: Auf der Fahrt nach Paris lernt Stephan Suzanne kennen. Ohne es zunächst zu wollen, verliebt er sich in sie.

Erster Plotpoint: Stephan erfährt von den Vorfällen auf Korfu.

Zweiter Plotpoint: Bertrands "Geständnis" eröffnet Stephan eine neue Sicht der Ereignisse damals. Er befreundet sich nach und nach mit B.


Sobald die klar waren, stand das Grobschema des Romans fest:

Das Paradigma:

Erster Akt:
Stephan will S's Geheimnis ergründen
Zweiter Akt:
S. kann mit seinem Wissen nicht umgehen. Plant Mord
Dritter Akt:
Annäherung der beiden Charaktere, Erkennen der Ähnlichkeiten.
Setup:
P.P.: Suzannes Erzählung

Konfrontation:
P.P.: Bertrands "Geständnis"
Auflösung:
Soll an dieser Stelle nicht verraten werden ;-)


Nachdem diese Vorüberlegungen zu ihrem Ziel gekommen waren, wurde es Zeit, die Geschichte ein wenig mit Fleisch zu füllen. Was folgte war ein etwa vier Seiten langes Treatment, gehalten wie ein Film. Den Vorgang, der zu diesem Treatment führt, bezeichne ich als "inneren Film". Ich sehe die Handlung vor mir und beschreibe sie, wie ich einen Film beschreiben würde:

Vier Seiten-Treatment

Erste Szene: Später Nachmittag. Herbst. Stefan sitzt an einem Wohnzimmertisch, vor sich ausgebreitet eine Reihe von losen Photos und mehreren Alben. Man sieht, wie er nachdenklich verschiedene Bilder in die Hand nimmt und betrachtet. Die Kamara fährt über die einzelnen Bilder, auf allen dieselbe Person: Suzanne, Bilder aus sehr verschiedenen Jahren: Suzanne vor einem Regal, Suzanne am Schreibtisch, eingekeilt in Bücher, Suzanne am Strand.

Schon aus den Bildern muss deutlich werden, dass es irgendwann einen Bruch in ihrem Leben gegeben hat. Während sie auf den frühen Bildern mit der Kamera kokettiert, zeigt sie sich später kaum noch lachend, sondern ernst, verschlossen und langweilig.

Stefan grübelt über diesen Bildern. Man sieht, dass ihm irgendetwas nicht gefällt. Er hält zwei Bilder, ein frühes und ein spätes nebeneinander.

Am Ufer der Seine Stefan denkt zurück daran, wie er Suzanne kennen gelernt
hat. Er denkt an die Fahrt nach Paris, auf der er sie als Anhalterin mitgenommen hat. Obwohl die Fahrt eher eintönig war, reizte ihn eine kleine Geste von ihr im Auto so sehr, dass er "ihr Geheimnis" ergründen will. Er findet sie zufällig am Ufer der Seine wieder, wo sie bei einem Bouquinisten nach Lesestoff stöbert. Er lädt sie auf einen Kaffee ein und sie setzen sich an die Seine. Ohne dass sie über Oberflächlichkeiten hinauskämen, beschließen sie sich wiederzusehen.

Sie setzen ihre Treffen auch in Hamburg wieder fort, ohne das Stephan zunächst mehr von Suzanne kennt als ihr Telefonnummer. Meist treffen sie sich in der Stadt, gelegentlich auch tagsüber bei ihm, aber erst nach geraumer Zeit kommt es zum ersten Abend bei ihm, der mit einer gemeinsamen Nacht endet.

Doch die Nacht verläuft für Stephan anders als erwartet. Suzanne, die ihm am Abend eine Aufnahme von Juliette Grecos "Dans ton lit" geschenkt hatte, will nur nicht allein sein, und versteht es, sich Stephan vom Leib zu halten. Stephan ist verärgert und verzieht sich grollend in die Küche. Als Suzanne dazu stößt, kommt es zu einem ersten Krach. Er hält ihr ihr unverständliches Verhalten vor. Suzanne fühlt sich analysiert und verschwindet.

Am Abend, nachdem er einen ausgiebigen Spaziergang gemacht hat, um Klarheit über sich und seine Beziehung zu ihr zu bekommen, ruft er sie an, um sich zu entschuldigen. Sie verabredet sich für das nächste Wochenende mit ihm, zum ersten Mal bei ihr zuhause.

Erster Plot Point: Suzanne wohnt in einer Mansarde in Harburg, mit Blick über die Dächer der Stadt. Ihre Wohnung ist spartanisch-funktional eingerichtet. Im einen Zimmer dominiert ein Schreibtisch, daneben ein Regal mit Fachliteratur, Lexika und ein paar Klassiker, sowie ihr Bett. Das zweite Zimmer ist eine recht gemütliche Wohnküche mit großem Holztisch. An der (schrägen) Wand hängt das Filmposter "Out of Africa". Auf dem Tisch eine Kerze in einer alten Chianti-Flasche... Ebenfalls im Schlafzimmer ihr Plattenspieler. (Nur Top-Ten-Scheiben des Jahrgangs).

HarburgStephan kommt abends. Suzanne hat ein Abendessen fertiggemacht, und nachdem Stephan kurz die Wohnung besichtigt hat, sitzen beide in der Küche und schaufeln das Essen in sich rein, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Eine gewisse Spannung liegt in der Luft, die von beiden als unangenehm empfunden wird.

Um irgendetwas zu sagen, bringt Stephan das Gespräch auf irgendein am Rand religiös besetztes Thema (Film: Jesus von Montreal, Bergman-Retrospektive im Metropolis o.ä.). Suzanne erzählt, dass sie nicht mehr an Gott glaubt, erzählt von ihrer religiösen Sozialisation. An diesem Punkt bricht sie aus und erzählt von Korfu, von ihrer Vergewaltigung und ihre Verzweifelung über einen Gott, der solches zulässt.

Der zweite Akt erzählt die Geschichte von Stephans Veränderung. Hier wird klar, dass Stephan an die Möglichkeiten einer heilen Welt glaubt, die nur durch ein paar böse Einzelgänger gestört wird. Er manifestiert das Böse an Bertrand Larbaud, den Vergewaltiger Suzannes und beschließt ihn umzubringen, um so das Unrecht zu sühnen. Aus dem weltflüchtigen Kinofreund wird durch das an der "schutzlosen Freundin" begangene Unrecht ein kalkulierender Mörder, der auf die Suche nach dem Täter geht.

In seiner ersten Wut ob des Gehörten tigert er durch die Straßen Altonas und beginnt, den Autos die Scheiben einzuschlagen, die einen Playboy-Aufkleber, - für ihn Symbol der frauenverachtenden Welt -, an ihrer Heckscheibe kleben haben. Ein Autobesitzer verfolgt ihn und nur mittels eines jungen Türken, Kader (türk.: Schicksal), gelingt ihm die Flucht über die Dächer des Werkhofs ins Osterkirchenviertel. Kader erzählt er seine Sorgen. Der ist es, der ihm Mut macht, nicht gegen eine autonome Masse anzukämpfen und die Welt verändern zu wollen, sondern die direkte Konfrontation mit dem damaligen Täter zu suchen.

Sein erstes Problem ist es, genug Informationen über Bertrand aus Suzanne herauszubekommen, um ihn auf Korfu finden zu können. Da sie selbst sich wieder verschließt, fragt er ihre Freunde aus und durchsucht schließlich ihre Wohnung, auf der Suche nach Photos oder ähnlichem Material, das ihm helfen könnte. Schließlich findet er ihr Tagebuch mit Aufzeichnungen aus Korfu.

Korfu Er fährt nach Korfu und findet recht schnell das gesuchte Dorf und Bertrand, der eine allseits bekannte Persönlichkeit dort ist. Unter dem Vorwand, einen Reiseführer zu suchen, nimmt er Kontakt mit ihm auf. Sein Ziel ist es, Bertrands Vertrauen zu gewinnen, um so leichter einen Plan ausarbeiten zu können. Das Projekt gestaltet sich schwieriger als erwartet. Da Bertrand die Touristen nicht mag, die seine Insel überschwemmen, sondern sie nur verächtlich an der Nase herumführt, entfremdet sich ihm Stephan eher, als dass er ihn für sich gewinnt. Nur langsam kann er Bertrand für sich einnehmen.

Korakiana Als nächstes gilt es einen fähigen Mordplan auszuhecken. Er versucht eine Waffe aufzutreiben, merkt aber bald, dass er als fremder Freund Larbauds schon zu bekannt ist, um ihn direkt umbringen und dann verschwinden zu können. Darum beschließt er endlich, einen Autounfall vorzutäuschen und den Toyota Bertrands zu manipulieren. In der Stadtbibliothek von Kerkyra besorgt er sich das Material über die Reparaturen von Autos, um herauszufinden, was er am geschicktesten tun kann.

Zweiter Plot Point: Bertrand und der schon gar nicht mehr so sichere Stephan fahren gemeinsam auf den Pantokrator. Dort will Stephan das Bremsseil lockern und Bertrand allein den Berg hinunterfahren lassen, unter dem Vorwand, ein wenig Zeit zum Nachdenken zu brauchen.

Stephan kommt auf Suzanne zu sprechen, sicher, dass Bertrand darauf mit Bestürzung reagieren würde. Doch Bertrand erinnert sich an Suzanne fast wehmütig und vor allem ohne Reue. Indem er seine Sicht der damaligen Ereignisse schildert, verunsichert er Stephan völlig und lässt ihn seinen Plan erst einmal verschieben. Bertrand ist sich völlig bewusst, dass seine eigene Reaktion damals "unglücklich" war, doch sieht er in sich keinen Vergewaltiger und in der Situation auch keine Vergewaltigung.

In der Unterhaltung merkt Stephan, dass er fast dieselbe Situation, die zur Vergewaltigung geführt hat, damals in jener ersten gemeinsamen Nacht auch erlebt hat. Für ihn kann Bertrand nicht länger der Feind sein, da er mit ihm auch sich töten müsste.

Der dritte Akt: Auch dieser dritte Akt ist natürlich vorstrukturiert worden. Doch um den zukünftigen Lesern nicht die Spannung zu nehmen, verzichte ich hier auf die Beschreibung.




Weitere Überlegungen zur Form des Romans

Zunächst versuchte ich einen brauchbaren Arbeitstitel für den Roman zu finden. Er lief lange unter dem Namen "Wildblumen", dann auch unter "Assez - Es reicht". Unter beiden Versionen gibt es komplette Textfassungen, d.h. ich hielt relativ lange an einem Namen fest und änderte mit dem Namen auch jeweils inhaltlich eine Menge am Skript. Die folgenden Überlegungen zur Form stammen noch aus einer relativ frühen Phase des Romans:


In "Das dritte Prinzip" werden zwei Themen miteinander verknüpft, zum einen das Thema der (hier erstrangig sexuellen) Gewalt, zum anderen das der Realitätsflucht durch narzisstische Objektverschiebung.

Die vier Hauptakteure stehen für die verschiedenen Ausprägungen dieser Verschiebung.

Stephan, dessen Selbstwertgefühl in der Kindheit durch omnipotent erscheinende Eltern stark gestört wurde, zieht sich in die Traumwelt des Films zurück, um möglichst wenig mit der Realität konfrontiert zu werden.

Suzanne, Opfer einer Vergewaltigung, versucht sich durch Anpassung an die Normen der Zeit unauffällig zu machen. Um an der Wirklichkeit zu partizipieren, sammelt sie Klischees, mag, was "in" ist, findet gut, was ihr von Freunden empfohlen wird und reagiert äußerst aufgebracht, wenn man versucht, sie zu hinterfragen. Sie ist eine moderne Eklektizistin im Sinne Beineix.

Bertrand, der Vergewaltiger Suzannes, hat es geschafft, seine Träume zum Lebensinhalt zu erheben, ist aber wesentlich aktiver als Stephan: Er lebt nicht nur im Kopf, sondern sucht seine Ausdrucksformen und seinen Lebensstil in der Realität. Aber wie Suzanne klammert er alles aus, was ihn hinterfragen und seinen Traum zerstören könnte.

Die einzige im klassisch-freudschen Sinn Kranke der Erzählung ist Elisabeth. Ihre Weltflucht geht so weit, dass sie sich ein omnipotentes Größenselbst erdichtet, ein Leben als "Sissi", der österreichischen Kaiserin, was nur deshalb funktioniert, weil ihr Vater als Hausmeister im Achilleion, dem 1890/91 erbauten Schloss auf Korfu, arbeitet.

Als Schaubild würde die Aufteilung der Charaktere ungefähr so aussehen:

Selbstobjekt/real
(Gesellschaft)
Suzanne
Größenselbst/real
(Romantik-Sucht)
Bertrand
Größenselbst/irreal
(Schizophrenie)
Elizabeth

Selbstobjekt/irreal
(Kino)
Stephan


Der Roman ist in fünf Teile geteilt:

In Teil 1 werden Stephan, der Ich-Erzähler, und Suzanne vorgestellt. Zunächst von außen wird hier gezeigt, wie unauffällig (zumindest für Männer) sich Opfer von Vergewaltigungen in den Alltag re-integrieren können. Stephan bemerkt, dass Suzanne ein Geheimnis hat, tappt aber über die Hintergründe völlig im Dunkeln.

Teil 2 klärt gleichzeitig Stephan und die LeserInnen auf: Indem sie in die Situation auf Korfu hineingenommen werden, merken sie, dass Suzanne sich nicht leichtfertig einer Situation ausgesetzt hat, die notwendig zur Vergewaltigung führte. Dieser Teil ist aus der Sicht Suzannes, jedoch in der 3. Person, geschrieben. Die Sicht Bertrands wird bewusst noch außen vor gelassen.

Im 3. Teil erfährt Stephan an sich selbst, wie es zu einer Tat kommen kann, er erfährt seine eigene Ohnmacht gegenüber einer Frau, die er sexuell begehrt, Elizabeth, merkt, wie er ihre situative Hilflosigkeit ausnutzt und bekommt so zur Tat Bertrands ein neues Verhältnis, ohne es gutheißen zu können oder zu wollen.

Über die Sicht Bertrands zu dem Verbrechen an Suzanne wird der 4. Teil versuchen aufzuklären. In der Begegnung zwischen beiden Männern kommt es zum Austausch über dieses Thema, Stephan und die LeserInnen lernen Bertrands Sicht der Ereignisse kennen.

Im 5. Teil endlich geht es um die Verarbeitung der Geschehnisse bei Suzanne. Ihre Versuche, sich zu artikulieren, ihr Sich-Zurückziehen in einen sozialen Aktivismus, der von ihren eigenen Problemen ablenken soll, schließlich ihre zögernden Schritte zur Bewältigung werden in Tagebuchauszügen beschrieben.

Die hier beschriebene Struktur hat sich im Wesentlichen gehalten, auch wenn bei der Arbeit am Roman klar wurde, dass der fünfte Teil, so wie er ursprünglich geplant war, sich von der Dramaturgie her nicht ans Ende stellen ließe. So wurden Teile des ursprünglich fünften Kapitels in Kap. 1 und 3 übernommen.

Die zweite Änderung war das Umschwenken auf ein siebenteiliges Konzept. Sieben Kapitel mit jeweils sieben Abschnitten, davon vier in fast identischer Länge, die anderen drei genau halb so lang. Diese Entwicklung zeichnete sich erst allmählich ab, wurde dann aber von mir konsequent weiterverfolgt. Dahinter steckt keine Zahlensymbolik. Um in einem Roman mit einer klaren Mitte zu arbeiten, braucht es eine ungerade Zahl an Kapiteln. Als ich merkte, dass meine fünf Kapitel nicht in der Lage waren, den Stoff zu tragen, war die sieben die nächstmögliche Alternative. Damit das Tempo dabei nicht auf der Strecke blieb, entschied ich mich dafür, wenigstens die Länge der Kapitel zu variieren.

Aber das sind Äußerlichkeiten, die eher in späteren Bearbeitungsstufen eines Romans eine Rolle spielen.

Als nächste Aufgabe stellte ich mir, meine Protagonisten mit ihrem Standpunkt, ihren dramatischen Zielen und ihren Veränderungen näher zu skizzieren, mich in sie hineinzuversetzen und aus ihrer Perspektive heraus einen Lebenslauf zu verfassen:

Da es bei dieser Aufgabe für mich immer hilfreich ist, wenn ich mir meine Figuren möglichst stark visualisieren kann, habe ich im Fall des „Dritten Prinzips“ früh meine Traumbesetzung für die Charaktere festgelegt:

Myriem Roussel in Ackerens Film Venusfalle Stephan – Woody Allen

Suzanne – Natasha McElhorne

Elizabeth - Myriem Roussel

Larbaud - Richard Bohringer









Die Hauptfiguren

1. Suzanne: Natasha McElhoneorientiert sich an ihrem eigenen Ideal vom "normal sein". Da ihr die Realität zu gefährlich ist, zieht sie sich in ihre Arbeiten zurück. Um an der Wirklichkeit zu partizipieren, sammelt sie Klischees. Sie mag, was `in` ist, findet gut, was ihr von Freunden empfohlen wird und reagiert äußert aufgebracht, wenn man versucht, sie zu hinterfragen. Sie ist eine moderne Ekklektizistin im Sinne Beineix.

Dramatisches Ziel: Sie hat kein Ziel, außer zu verdrängen. Sie fühlt sich vom Interesse, dass ihr Stefan entgegenbringt, geschmeichelt und integriert ihn in ihren Alltag, ohne sich große Gedanken darüber zu machen, wie er empfinden könnte.

Standpunkt: Da sie sich an Klischees orientiert, hat sie auch, was Beziehungen angeht, nur Klischees im Kopf und merkt recht bald, dass Stefan nicht der Mann ist, diese Bilder zu erfüllen. Andererseits fehlt ihr die Kraft zu einem Nein, so dass sie immer tiefer in die Beziehung hineinrutscht, solange Stefan der Initiator ist.

Sie ist manipulierbar, da sie sich von der Öffentlichkeit abhängig macht. Sie ist das "Wetterfähnchen", das BAP besingt. Sie will ein normales Leben führen, ohne zu wissen, was in dieser verrückten Welt normal ist. Vielleicht ist eine Beziehung zu Stefan ihr Ziel. Aber dazu müsste sie einen Entschluss fassen und das kann sie nicht.

Veränderung: Sie taucht aktiv nur im ersten Akt auf. Die Veränderung, die der Roman beschreibt, ist die von einem lebenslustigen jungen Mädchen, das der Welt die Stirn bietet, hin zu der grauen Maus, die sie zu dem Zeitpunkt ist, als Stefan sie kennenlernt.

Haltung: Suzanne wird bestimmt von einer Melancholie, die hart am Rande einer dauerhaften Depression steht. Meistens fehlt ihr der Mut, aktiv eine Sache anzupacken und wenn sie es doch einmal tut, wird sie von heftigen Zweifeln ob der Erfolgsaussichten angegangen. Sie geht bemüht gerade, um sich ihre gebeugte Lebenseinstellung nicht anmerken zu lassen.


2. Stephan:Woody Allen, mal als tragischer Held Stephan lebt in seiner Filmwelt und hat es geschafft, daraus einen Beruf zu machen. Er schreibt Filmkritiken und lebt zum Teil in Frankreich, um für die deutsche Fachpresse die französische Filmszene zu überwachen. Nebenbei schreibt er "Filmromane" von den fr. Topfilmen, die dann in Deutschland schon vor Filmstart gedruckt werden können. Auf diese Art hat er ein vernünftiges Auskommen.

Dramatisches Ziel: Sein konkretes Ziel ist es, Bertrand umzubringen. Er will nicht tatenlos sein, während das Böse in dieser Welt sein dreckiges Spiel treibt, denn in seiner Welt hat das Böse keinen Platz.

Standpunkt: Ein bisschen von Louis Armstrong "What a wonderful world"; die Welt wäre eigentlich verdammt nett, wenn wir daraus nicht eine Kloake machen würden. Wenn man etwas wirklich will, dann gibt es auch einen Weg dahin. Außerdem sind die allermeisten Dinge nur eine Frage der Perspektive. (Das ist übrigens auch der Grund, warum er soviel Zeit in Suzanne investiert, obwohl sie ihre Oberflächlichkeit nicht verbirgt)

Er ist ein Bohème, ein Zyniker, der nicht nach mehr trachtet, als er gerade hat.

Veränderung: Aus dem filmreifen "Hoppla, jetzt komm ich", dem immer auch ein Schuss Melancholie wegen seiner Einsamkeit beigemischt ist, wird jemand, der die Tristesse des Lebens überdeutlich sieht. Während er am Anfang das Böse nur in wenigen anderen sieht, merkt er langsam, dass es überall, eben auch in ihm ist.

Haltung: Stephan ist [krankhaft] positiv, bis er über Suzannes Vergewaltigung stolpert. Er wird mit jeder Situation fertig, hat alles in der Hand. Er geht immer einen Schritt zu schnell und drückt damit aus, dass es in dieser Welt viel zu tun gibt, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, was das denn konkret sein könnte.


3. Bertrand: Richard Bohringer Auch Bertrand hat es geschafft, seine Träume zum Lebensinhalt zu erheben. Aber im Gegensatz zu Stephan ist er wesentlich aktiver. Er lebt nicht nur mit dem Kopf, sondern sucht seine Ausdrucksformen und seinen Lebensstil in der Realität. Aber er klammert alles aus, was ihn hinterfragen und seinen Traum stören könnte.

Dramatisches Ziel: Sein Ziel ist es, seine heile Welt, die er sich in Korakiane aufgebaut hat, gegen alle Eindringlinge zu verteidigen. Als Suzanne anders reagiert, als er es sich in seinen Träumen ausmalte, nimmt er sich, was er will, ohne zu begreifen, was er ihr antut. Die Vergewaltigung wird sofort wieder aus seinem Selbstbild gestrichen. Auch Stephan wird zeitweise zur Bedrohung für ihn. Er hat nur die beiden Möglichkeiten, Stephan auf seine Seite zu ziehen, oder ihn schnell wieder los zu werden. Er versucht es, ihn einzulullen, was ihm gelingt.

Veränderungen: Bertrand kann sich nicht verändern, ohne dass er sich selbst gegenüber ehrlich wird. Er ist nach der Freudschen Definition gesund, d.h. voll arbeitsfähig, daher gibt es für ihn keinen Grund, etwas zu unternehmen. Indem er Stephan auf seine Seite zieht, wird seine eigne Position eher noch gefestigt.

Standpunkt: Er mag Leute, wenn sie ihm nicht dumm kommen. Außerdem nimmt er sie nicht ernst, warum sollte er. Er spielt mit ihnen und bastelt so sein überstarkes Selbstbild, indem er sich gedanklich über sie stellt. Er ist ein Kulturpessimist, der alle technischen Neuerungen nur mit Verachtung straft.

Haltung: Bertrand ist positiv, aktiv, kreativ, glücklich, stark, also mit allem Positiven behaftet, was man sich nur denken kann. Sein einziges Problem ist, dass er nur in seiner selbstgebauten Theaterwelt funktioniert. Sobald er mit einer unerwarteten Situation konfrontiert wird, bricht sein Bild zusammen, er ist im existenziellen Sinn ein "Knecht", ein Objekt, völlig statisch.





Nach dieser ersten Festlegung der Positionen und Ziele meiner Protagonisten, wurde es Zeit, mich in meine Figuren hineinzuversetzen und sie sozusagen empathisch zu durchleuchten. Wie würden die Figuren ihre eigene Geschichte beschreiben?

A. Suzanne Lériaupe:

Geboren wurde ich 1964 in Etampes, einem kleinen Ort zwischen Paris und Orleans. Mein Vater ist Ingenieur, meine Mutter Hausfrau seit Menschengedenken. Ich habe eine kleine Schwester, vier Jahre jünger als ich selbst, was mich damals, als sie geboren wurde, ziemlich störte, woran ich mich aber schnell gewöhnte.
Vater kam abends erst spät nach Hause, so dass ich von ihm kaum beeinflusst bin. Maman brachte mich früh dazu, Verantwortung im Haushalt zu übernehmen, unter anderem auch auf meine Schwester, Vanessa, aufzupassen. Insgesamt habe ich schnell gelernt, mir Freiräume zu schaffen, so dass Maman, die ja weitgehend allein für meine Erziehung sorgen musste, wohl häufig überfordert war. Aber ich brauchte ein Gegengewicht zur verantwortungsgeladenen Enge meines Zuhauses und schaffte es mir.
In der Schule war ich beliebt, denn ich war ziemlich selbstbewusst, ohne dabei arrogant zu werden. Wir hingen alle ständig zusammen, gingen ins Kino, später auch tanzen. Wir, das sind vor allem Marie-Anne, Sandrine und Paulette, aber häufig auch andere Mädchen, die in unsere Klasse gingen. Etampes ist nicht groß, irgendwie hingen immer alle miteinander zusammen. Ich war vielleicht die extravertierteste von ihnen. Meine Noten waren recht gut, auch wenn ich außerhalb der Schule nicht übermäßig viel tat.
Meine erster große Liebe war Claude. Ich war gerade 15. Er war süß. Ich lernte ihn auf einer Fete kennen, auf die ihn ein Freund mitgebracht hatte. Er wohnte in Maisse, etwa 17 km von uns entfernt. Wir trafen uns bald jeden Tag nach der Schule in einem Cafe. Zuhause ging nicht, weil da Maman war - und Vanessa. Nein, geschlafen haben wir nicht miteinander. Irgendwie ist das in der Kleinstadt auch noch etwas anderes als in Paris. Außerdem war ich zu der Zeit noch ziemlich religiös.
Nein, - lach' nicht. Meine Eltern nahmen mich schon früh mit zu einer kleinen evangelikalen Gemeinde in der Stadt. Eine Zeit lang habe ich geglaubt, dort das gefunden zu haben, wonach man sich eben sehnt, wenn man erwachsen wird. Ideale, Ideen, eine Gemeinschaft mit ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl. Gott wurde so eine Art Ersatzpapa, der immer da war, mit dem ich reden konnte, wenn ich traurig war und der Zeit für mich hatte.
Ich habe dann gemerkt, dass es ein riesengroßer Unterschied war, von Gott zu reden und zu versuchen, diese Ideale zu leben. Die meisten Gemeindeglieder haben mich diesbezüglich auch schnell enttäuscht. Aber ich konnte diese Vorstellung nicht aufbringen, dass da plötzlich niemand mehr sein sollte. Vielleicht war es Angst vor dem Alleinsein, das mich lange hat dabei bleiben lassen. Gebrochen mit Gott habe ich eigentlich erst auf Korfu, als ... - Ich konnte nicht begreifen, warum so etwas geschehen konnte. Ich hatte Gott immer als übergroßes Schutzschild vor mir, der auf mich aufpasste und mich beschützte. Und damals habe ich begriffen, dass wenn es einen Gott gibt, er ziemlich machtlos sein muss in dieser Welt.
Warum ich an Gott festhielt, als Claude da war? Naja, Claude war am Nachmittag da, und manchmal abends, wenn ich mich noch aus dem Haus schmuggeln konnte. Aber man ist allein, sobald man eine Tür hinter sich zuschließt. Diese Angst, niemanden zu haben, die kommt schnell. Und Maman war zwar lieb, aber völlig unselbstständig. Was ich ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, wusste mein Vater noch am selben Abend, oft auch andere Leute, mit denen sie sich besprach, den Leuten aus der Gemeinde zum Beispiel. Deswegen war sie nie eine große Vertraute für mich.
Ja, ich bin dann auf die Uni gegangen, mit 19. Mit Claude war da schon längst Schluss, irgendeine dumme Eifersuchtsgeschichte, die mir heute leid tut. Aber Claude war eben eine Jugendromanze, die sich sowieso nicht hätte in die Zukunft retten lassen. Es musste wohl irgendwann so kommen.
In Paris habe ich dann Sprachen studiert. Deutsch. Englisch. Spanisch. Ich wollte unbedingt die Welt kennen lernen und hatte die Vorstellung, so besser an die Menschen heranzukommen.
Zuerst wohnte ich noch zuhause und fuhr jeden Morgen mit der Bahn in die Stadt. Später nahm ich mir dann ein Zimmer zur Untermiete im fünften Arrondisment bei einem Professor und seiner Freundin. Nein, nicht von meinem Fachbereich, dass hätte nichts gebracht.
Wir brachten mit ein paar Studenten eine Fachbereichszeitung heraus. Wir waren sehr engagiert. Nicht, das ich besonders politisch gewesen wäre zu jener Zeit, aber da waren doch diese Ideale von Wahrheit, Rechtschaffenheit und fairem Verhalten, die ich auch am Fachbereich durchsetzten wollte. Und so waren wir bald die zentralen Personen bei uns, die jeder kannte, und zu denen jeder kam.
Es war eigentlich eine schöne Zeit. Wir saßen bis tief in die Nacht zusammen und brüteten unsere Ideen aus, das Zimmer völlig in Zigarettenrauch gehüllt, neben uns die leeren Bierflaschen und auf dem Tisch die neusten Entwürfe für die Zeitung, bald auch Reformvorschläge für den Fachbereich.
Dann kam mein einundzwanzigster Geburtstag. Ich wollte mit Julie, meiner engsten Freundin zusammen nach Griechenland fahren. Sie sprang dann kurz vor Reisebeginn ab, weil sie sich unsterblich in einen Politologen verliebt hatte, lieh mir aber ihren Wagen, weil sonst die Fahrt für mich völlig ins Wasser gefallen wäre. So fuhr ich also allein gen Süden, inspiriert von Durell's Roman Schwarze Oliven. Ich hatte mir eine kleine gemütliche Pension vorgestellt und war kreuzunglücklich, als ich auf dem touristenüberfüllten Korfu ankam. Ich hatte mir alles so nett und urtümlich vorgestellt und nun wimmelte es von Fremden, die alle Pensionen hoffnungslos überfüllt hatten. Ich hätte heulen können.
Naja, ich nahm also notwendig ein Hotelzimmer in Roda, alle sehr freundlich, aber eben nicht das, was ich wollte. Und dann lernte ich Bertrand Larbaud kennen, einen Boheme ganz eigener Art, der sich in Korakiana niedergelassen hatte und dort ein kleines Haus hatte, an einem Hang mit Blick aufs Meer. Korakiane ist ein kleiner Ort, von dem die Touristen nicht viel Notiz nehmen. Und nachdem ich ein paar mal dort gewesen bin und mich schon völlig in das Haus und wohl auch ein bisschen in ihn verliebt hatte, lud er mich dann ein, in seinem Gästezimmer zu wohnen.
Er war so freundlich, so angenehm und unaufdringlich, dass ich nicht lange überlegt habe, leider. Ich bekam das Gästezimmer und alles lief prima, aber eines Morgens erwachte ich davon, dass er an mir herumgrabbelte. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich diese Art vollkommen blöd fände und gern über das Wann und Wie mitentschieden hätte. Da hat er mich vergewaltigt...
Ich bin gleich abgereist und nach Hause gefahren. Bei den Eltern war kein Trost zu holen: Für sie war klar, dass ich sein Angebot nicht hätte wahrnehmen dürfen und ihn somit quasi eingeladen hätte, mich zu benutzen. Sie sagten es nie direkt, aber jeder Blick von Maman schrie es heraus. Die alten Leute aus der Gemeinde waren zum Teil noch schlimmer: Christen werden nicht vergewaltigt, wenn und weil sie unter dem Schirm des Allmächtigen ständen...
Ich bin dann nach Paris gefahren. Die Freundin vom Prof, Marlies, war lieb. Sie war die erste, die mich einfach in den Arm genommen hat, als ich ihr alles erzählte. Aber ich brauchte damals verdammt viel Nähe, mehr als Marlies mir geben konnte. Und Sebastian, der Prof, war irgendwann sauer, weil sie sich so viel um mich gekümmert hat, und hat sie vor die Wahl gestellt. Naja.
Die Leute aus der Clique konnten damit auch nicht richtig umgehen. Anfangs waren sie alle sehr zuvorkommend. Aber nach ein paar Wochen meinten sie, ich müsse mich doch langsam wieder beruhigen. Bloß, ich würde nicht wieder normal. Für die Zeitung war ich keine große Stütze mehr, und für die Leute, die zu mir kamen, weil sie etwas brauchten, fehlte mir ganz einfach die Kraft.
Deshalb bin ich nach Hamburg gezogen, in der Hoffnung, hier einen neuen Anfang machen zu können, wo mich keiner kennt und keiner etwas von mir will. Nachdem ich die Sprachen fertig hatte, habe ich ein zweites Studium angefangen, weil der Arbeitsmarkt für Übersetzer mehr als dicht ist. Und jetzt bin ich halt hier und studiere Bibliothekswesen.
Ab und zu unternehme ich etwas mit den Leuten vom Fachbereich, aber meistens arbeite ich. Mein Zeitplan ist ziemlich eng, denn ich hoffe, dass je besser ich mich qualifiziere, desto größer die Chancen werden, tatsächlich an eine interessante Arbeit heranzukommen. Zur Zeit jobbe ich als Sekretärin bei einem kleinen Unternehmer. So. Bist du nun zufrieden ?

B. Bertrand Larbaud - Biographische Notizen

Geboren am 7. 10. 1953 in Toulouse, dem Haupt der Haute-Garonne. Eine Industriestadt mit einem Fluss, der Garonne und einem Kanal, dem Canal du Midi. Wein (Languedoc!) und staatliche Tabakmanufaktur (Gauloises!), katholische Hochschule. Was mich von all dem am meisten beeinflusst hat, kann ich nicht sagen, die Hochschule sicher nicht.
Dem Wein und den Zigaretten bin ich treu geblieben und an manchen Tagen vermisse ich den Kanal ein wenig. Toulouse ist trist und in bestimmten Vierteln von Toulouse aufzuwachsen keine Freude.
Vater war Beamter in der Stadtverwaltung, Mutter Erzieherin. Sie erzogen streng, aber das war normal für uns. Wir waren vier Kinder, alle im Abstand von ungefähr einem Jahr auf die Welt bekommen, bis Justine, meine Mutter keine Lust mehr hatte und sich meinem Vater kategorisch verweigerte, was er an uns ausließ. Er hatte vor allem seinen Ruf und die Nachbarn im Kopf. Die Mädchen, Angelique und Beatrice mussten Klavier lernen, Jean-Baptiste und ich wurden in den katholischen Sportverein gejagt. Später dann Kommunionsunterricht und Kommunion bei einem strengen Pater, der, was Recht und Ordnung anging, ähnliche Erziehungsmethoden benutze wie mein Vater. Vielleicht verstanden die beiden sich deshalb so gut.
Ich war der Älteste des Kleeblatts und hatte deshalb die besondere Aufgabe, die drei anderen im Zaum zu halten, was die zuhause mit Geduld und Augenzwinkern über sich ergehen ließen, auf der Straße aber nur unter Prügelandrohung und etlichen Keilereien akzeptierten. Darin standen übrigens Angelique und Bea in nichts nach. In Toulouse lernt man bald, sich zur Wehr zu setzen, wenn man in der Schule und im Verein ernst genommen werden will.
Ich habe damals viel gelesen, Stevenson und Dickens, später auf dem Gymnasium habe ich dann die Alten entdeckt, Vergil und Dante, die Chansons der Bilitis und Boccachio, Villon, Bruant... Ich habe gemerkt, dass es da noch eine andere Welt geben muss. Zusammen mit Paul, einem Schulfreund aus jener Zeit habe ich die Antiquariate durchstöbert. Wir haben uns Nachmittage lang aus unseren neusten Funden vorgelesen.
Wir haben davon geträumt, wie Bruant ein Cabaret aufzumachen und eigene Lieder zum Besten zu geben. Wir wollten ein Podium werden für all die Liedermacher und Chansoniers, die uns damals faszinierten. Paul kaufte sich von unseren Ersparnissen eine Gitarre und ich fing an, Lieder zu schreiben, die wir gemeinsam vertonten. Es ist nie mehr dabei herausgekommen als ein paar Auftritten bei Schulveranstaltungen, bei denen auch Beatrice am Klavier Chopin vergewaltigte und das Schulorchester halbherzig die Marseillaise intonierte.
Dann kam die Zeit, wo ich Camus und Sartre entdeckte, ich ging damals schon auf die Universität, wo ich nacheinander Philosophie, Literatur und Kunst abbrach. Als es meinen Eltern zu dumm wurde, fing ich bei meinem alten Freund, dem Antiquar an zu arbeiten. Außerdem schrieb ich für unser Lokalblatt das Feuilleton, ein Job, der nicht schwer war, es war nie viel los kulturell gesehen.
Damals fing ich an, Henry Miller zu verschlingen. Dabei sah es mit meinem eigenen Liebesleben eher traurig aus. Ich hatte ab und zu ein Mädchen, aber sie lebten alle zu sehr in ihrer kleinen Welt von Toulouse, als dass ich es bei einer länger ausgehalten hätte. Über Miller kam ich auch auf Lawrence und Korfu, wo ich bald jeden Urlaub verbrachte. Die Leute gefielen mir mit ihrer einfachen Freundlichkeit. Als ich dann die Gelegenheit hatte, mir ein altes halbverfallenes Häuschen in Korakiane zu kaufen und zu restaurieren, habe ich nicht lange gezögert.
Schreiben konnte ich auch da, für den Avghi, eine kleine kommunistische Zeitung. Ich hatte eines Abends zwei Mitarbeiter in einer Taverne kennen gelernt. Ich habe ihnen von Sartre vorgeschwärmt und sie mir mit Solomos gekontert. Wir verstanden uns auf Anhieb. Das Gehalt beim Avghi ist nicht üppig, aber es reicht zum Leben.

C. Stephan Gimat - Biographische Notizen

Ich weiß nicht genau, was meinen Vater, einen Ingenieur mit genügend Verstand, um sich ein hübsches Haus im Grünen leisten zu können, und meine Mutter, die von einer Haushaltshilfe zur Verkäuferin aufgestiegen war, dazu brachten, mich am 18. Februar 1963, am Tag der Sturmflut, in Hamburg auf die Welt zu bringen.
    Vater hatte einen lukrativen Posten bei einer Hamburger Firma und eigentlich alles, was er brauchte, vielleicht auch ohne mich schon ein bisschen zu viel davon, denn meine Mutter mag eine liebenswerte Frau sein, - zu ihm passte sie wie eine Trompete zu einem Meditationslehrer.
    Ich war bereits die zweite Unbesonnenheit diesbezüglich, bereits ein Jahrzehnt zuvor muss es einen sexuellen Kontakt zwischen beiden gegeben haben, der zumindest ihm ein gewisses Vergnügen bereitet hatte. Meine Schwester, Gabi, war nicht unbedingt ein Wunschkind, wie ich später erfuhr. Sie sorgte aber dafür, dass meine eigene Erziehung recht reibungslos verlief: es kann wohl keinen Schock geben, an den meine Eltern nicht mittlerweile gewohnt waren. Sie war nicht eigentlich aufsässig, es lag einfach an dieser Zeit, in der Kinder mit etwas anderen Anschauungen aufwuchsen als ihre Vorgängergeneration.
    Zur Schule ging ich aus innerer Überzeugung, jedenfalls am ersten Tag. An jenem Nachmittag überdachte ich meine Haltung und kam zu dem Schluss, dass mir diese Institution nicht wesentlich würde weiterhelfen können, um mich aufs Leben vorzubereiten. Meine Mutter war da anderer Ansicht und so verbrachte sie einen guten Teil der nächsten dreizehn Jahre damit, sowohl mich als auch meine jeweiligen Lehrer davon zu überzeugen, dass ich eigentlich ein ganz pfiffiges Bürschchen sei. Manchmal kam mir der Verdacht, dass sie insgesamt mehr für mein Abitur getan hat als ich.
    Ich begann Philosophie zu studieren, weil ich das für das einzige Fach hielt, von dem sie nichts zu verstehen glaubte. Vielleicht kam auch schon damals mein Hang zur Schreibmaschine durch, eine Liebe, die sich im Laufe der nächsten Jahre mit einer ebenso großen Liebe zum Kino vereinte. Zu diesem Zweck war es sinnvoller, von zuhause auszuziehen, denn es erwies sich als schwierig, meinen Eltern begreiflich zu machen, dass für ein Philosophiestudium die profunde Kenntnis der kinemato­graphischen Entwicklungen unerlässlich sei.
    Mein Absprung gelang, jedenfalls teilweise. Es gibt psychologische Bänder, die man auch dann nicht zerreißt, wenn man dies als einzig sinnvolle Möglichkeit zur Selbstentwicklung längst erkannt hat. Dieses Band, das mich am Elternhaus trotz aller Widrigkeiten festhalten ließ, hieß Geld. Nicht, dass ich mir etwas daraus gemacht hätte, aber zu viele Leute um mich herum taten es. Da waren Vermieter, Lebensmittelhändler und nicht zuletzt all die Kinokassierer Hamburgs, die ich mittlerweile namentlich kannte.
    Mein Spezialgebiet war der französische Film und hätte ich mein Examen in diesem Fachgebiet machen können, hätte ich vielleicht schon vor dem sechzehnten Semester auf der Straße gesessen. So verschob sich mein Studienplan ein wenig. Ich beschloss, das Beste aus der Situation zu machen und konzipierte meine Examensarbeit zu Walter Benjamins Schrift "Über Haschisch", das vielleicht nicht sein zentrales Werk war, dank des allgemein anerkannten Rufs des Autoren aber auch nicht vom Professor abgelehnt werden konnte.
    Was habe ich in diesem Studium gelernt? Nie eine Frage direkt zu beantworten, wenn sie sich nicht auch mit einer Gegenfrage beantworten ließe; mich nie definitiv festzulegen; und vor allem, gerade dann, wenn ich auf den Tod nicht mehr weiß, wovon ich spreche, meine Ansätze zu systematisieren, kategorisieren und so vom Hundertsten ins Tausendste zu springen, immer in der Hoffnung, irgendwann dabei ein Themengebiet zu streifen, dass ich wieder beherrsche. Mit einem Wort, ich lernte die Hohe Kunst der gebildeten Konversation.
    Der andere Effekt meines Studiums war mehr äußerer Natur. Ich lernte, dass ein Philosoph so ziemlich die einzige Person ist, die in der Öffentlichkeit herumlaufen darf wie ein Landstreicher, ohne dabei das Missfallen der Öffentlichkeit zu erregen, als einziges Requisit eine Pfeife benötigend, die vor allem dann, wenn einem nichts mehr zu sagen einfällt, als äußerst hilfreiches Instrument zur Verfügung steht. Wer kann schon Tiefsinniges von sich geben, während er versucht, seine Pfeife neu zu entzünden. 
    Es war Woody Allen, der mich auf die Idee brachte, mein Geld durch das Schreiben von Filmromanen zu verdienen: wenn ich mich nicht irre, war es im "Stadtneurotiker", in dem Annie Hall den wertvollen Hinweis gab, dass auf diese Art schnell und einfach Geld zu machen sei. Was sie nicht sagte, war, dass die Verlage irrsinnige Vorstellungen davon haben, bis wann so ein Skript abzuliefern sei.
    Ich machte die schmerzliche Erfahrung, als ich von einem für dieses Metier berüchtigten Verlag den Hinweis erhielt, dass sie mein Skript bis spätestens eine Woche vor Filmstart zur Korrektur haben wollten, und das nachdem ich zehn Tage, fast ohne meine Arbeit durch Schlaf oder ähnliche Luxusgüter zu unterbrechen, das Buch zu einem gerade angelaufenen Film ablieferte, der sich zum Kassenschlager der Saison auszumachen schien.
    Die Lektorin, die mich mitten in der Nacht aus meinem wohlverdient nachgeholten Schlaf klingelte und am Telefon zur Verzweiflung brachte, machte mir den Vorschlag, zum Schreiben nach Frankreich zu gehen, um dadurch die Möglichkeit zu haben, die deutschen Manuskripte abzuliefern, bevor hier die Synchronisations­arbeiten beendet wären.
    Man kann also sagen, dass mich ein frischer Wind gen Frankreich, zurück in die Heimat meiner männlichen Vorfahren, trieb, unterstützt durch meinen skeptischen, doch hoffnungsfrohen Vater, der sämtliche alte Bekannte mobilisierte, um mich aus seiner Nähe und seinem Geldbeutel zu eliminieren. Es war dann folgerichtig ein alter Jugendfreund von ihm, der mir in Paris eine billige Bleibe zur Untermiete besorgte. So begann mein Start in die Unabhängigkeit. Es dauerte noch ein Jahr, 142 Filme und sieben tatsächlich angenommene Manuskripte unter den blödsinnigsten Pseudonymen, bis ich mir meine eigene Wohnung am Montmartre leisten konnte. 
    Nebenbei arbeitete ich für etliche Filmzeitschriften, mit denen ich kontaktiert hatte und die mir den Zugang zu etlichen Previewen sicherten und nebenbei für das einzig verlässliche Einkommen in jener Zeit sorgten.
    Ich brauche nicht weiter zu erwähnen, dass mein Reservoir an sozialen Kontakten damals ein wenig unter meiner Beschäftigung litt. Mein bester Freund wurde Réné, der Barmann an der Eckkneipe, die ich immer dann besuchte, wenn mir weder nach Zelluloid noch nach Reiseschreibmaschine zumute war. Nicht, dass ich wie einige meiner erfahreneren Kollegen zum Alkoholiker geworden wäre. Mein Vorbild orientierte sich an Raymond Chandler, der, soweit ich weiß, fast ohne einen Tropfen auskam, - außer vielleicht montags bis sonntags.

    Wenn ich es mir recht überlege, ging alles verteufelt glatt bis zu diesem Zeitpunkt. Das war nicht unbedingt mein Verdienst, denn ich stand bis vor einem Jahr noch unter der nahezu omnipotenten Protektion meiner Gebährer, so dass ich genügend Energien zur Verfügung hatte, um meinen eigenen Start in die Bohème abzusichern. Alles in allem war es Zeit für den ersten großen Einbruch in meinem Leben. Also verliebte ich mich in Suzanne


Ein letzter Trick vor dem eigentlichen Beginn des Romans: Der Autor sollte sich klar machen, in welcher Stimmung sich der Protagonist befindet, wenn die Handlung beginnt. Was ist also geschehen am Tag, in der Woche, bevor die Handlung einsetzt. Wie lebt der Protagonist sein Leben? Was ficht ihn an? Wie gestaltet er seinen Alltag?
Im Roman selbst hat all das nichts zu suchen, denn der Leser will in die Spannung mit hineingenommen werden, nicht in den Kleinkram, der den Alltag ausmacht. Für den Autoren ist diese Übung aber notwendig, weil es ihm vieles klären hilft, was dem Roman seine Tiefe gibt. Im Fall des "Dritten Prinzips" sieht die Vorgeschichte etwa so aus (hier noch in der frühen ersten Erzählperson):

Die Vorgeschichte

Freitagnachmittag. Ich habe die letzten Seiten der letzten Fassung einer wilden Story um Sophie Marceau in die Maschine getippt. Jetzt ist erst einmal Ruhe, bis ich vom Verlag die Korrekturbögen wiederbekomme. Das heißt, wenn die Geschichte überhaupt genommen wird, wenn sich ein deutscher Filmverlag um die Verleihrechte bewirbt und der Film tatsächlich in die Kinos kommt. Was nutzt das beste Skript, wenn zu viele andere gute Filme den Markt überschwemmen und "meiner" dabei hinten runter fällt.
  Wieder war ein Filmbuch fertig und mir blieb nur, einen netten Begleitbrief an meinen Verleger zu tippen mit Bitte um freundliche Stellungnahme und die dazugehörigen Vertragspapiere. Als auch das erledigt war, stand ich etwas ratlos in meiner Wohnung. Ich ging zu meinem Plattenstapel und wühlte ein wenig darin herum, ohne mich doch recht für irgendeine Aufnahme entscheiden zu können. Dann ging ich zum Telefon und rief ein paar alte Freunde an, die mir trotz meines vollen Arbeitsplans noch die Stange hielten: Jan, mit dem ich mich für den Samstagabend verabredete, und Edmund, der am Sonntagnachmittag vorbeikommen wollte.
  Dann mußte ich mich noch bei der Mitfahrzentrale um einen Beifahrer bemühen. Ich bekam eine Telefonnummer und hatte dann eine junge Französin am Apparat, mit der ich mich für Montagmorgen am Bahnhof Altona verabredete.
  Ich beschloss, an die Elbe zu gehen, um meinem Drang nach Motorik nachzukommen und meine restlichen Energien zu verbraten. Oft hilft mir so ein ausgedehnter Vier-Stunden-Spaziergang, um von der Arbeit abzuschalten und für etwas Neues frei zu werden. Ich ging also runter nach Övelgönne und versenkte mich in das gleichmäßige Plätschern der Wellen an den Elbstrand. Es tat mir gut, mich von diesem gleichmäßigen Geräusch einlullen zu lassen. Der für hamburgische Verhältnisse normale kühle Wind wehte mir entgegen und stemmte sich gegen mich. Ich genoss ihn, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.
  Langsam schlenderte ich die Elbe abwärts bis zum Fähranleger Teufelsbrück, ging dann in den Jenisch-Park, einen alten Elbniederungenpark, der im vorigen Jahrhundert nach englischen Vorbildern angelegt war, hinauf zum Bahnhof Klein-Flottbek und fuhr von dort zurück nach Altona. Zuhause machte ich mir einen starken Pharisäer, was ich so ziemlich immer tue, wenn ich mich nach einem langen Spaziergang wieder aufwärmen will. Ich fühlte mich rundum wohl. Um vollends zu relaxen, legte ich noch die c-moll-Sinfonie von Brahms auf den Plattenteller und tauchte in die melancholischen Bilder des Adagio-Allegro.
  Nun war ich reif, meinen Abend zu planen. Ich schaute in den Stadtkalender, fand aber nichts, was mich wirklich gereizt hätte. Also beschloss ich, einen Abend vor dem Video-Gerät zu verbringen. Nach einem kurzen Blick nach innen, der mir sagen sollte, auf welchen Film ich Lust hätte, entschied ich mich für einen alten Claude Miller, den zu sehen ich bis dato nicht gekommen war. Ich rief also nacheinander sämtliche Videotheken Hamburgs an, bis ich in Eppendorf eine fand, die den Film tatsächlich hatte und fuhr hinüber...
  Samstag schlief ich aus, was bei mir etwa halb eins bedeutet. Ich ging schnell noch etwas einkaufen, um nicht das Wochenende ohne Lebensmittel dazustehen. Der Nachmittag ging dann für das Herstellen einer Lasagne drauf. Meine Lasagnen sind weltberühmt, da ich mich nicht damit begnüge, wirklich alles von den Nudeln bis zu den verschiedenen Soßen herzustellen, sondern die Zusammenstellung der einzelnen Ingredienzen so perfektioniert habe, dass damit einfach keine Restaurantversion mithalten kann. Aber das dauert eben seine Zeit, so dass ich erst fertig mit den Vorbereitungen war, als Jan vor der Tür stand.
  Wir aßen uns dick und rund, was heißt, wir aßen die ganze Form leer, die normalerweise auch vier Leute gut ernähren würde. Für mich das einzig gültige Kompliment, was meine Kochkünste angeht. Es folgte ein langer Abend bei Rotwein und Backgammon, der in eine lange Nacht mündete. Gegen vier Uhr morgens, als die Weinvorräte gelehrt und unser Punktestand die Tausendergrenze erreicht hatte, beschlossen wir, für heute Schluss zu machen und ich versprach, mich zu melden, sobald ich wiedvr in Hamburg sei.
  Der Sonntag verging ebenso geruhsam. Nach dem späten Aufstehen suchte ich mir aus dem Stadtkalender einen Flohmarkt in der Nähe und schlenderte zwei Stunden zwischen den Ständen herum, auf der Suche nach interessanter Lektüre oder anderen Dingen, die ich spontan für besitzenswert hielt. Ich erstand auf diese Art eine weitere Pfeife, eine Elfer Bruyere, die gut in der Hand lag.
  Eddy war hektisch wie immer. Wir gingen gemeinsam zum Bahnhof, denn er ist Eisenbahnfetischist. Ich wollte auf diese Art mein Fachterminologierepertoire erweitern, denn die Eisenbahn ist ein beliebter Handlungsort für Filme. So lernte ich die einzelnen Arten von Hochspannungsleitungen zu benennen, den Kästen, denen ich bis dahin kaum Bedeutung zugemessen hatte, Namen zu geben.
  Den Abend brauchte ich zum Packen, denn ich wollte am Montag in aller Frühe losfahren. So suchte ich mir den Kram zusammen, den man den Frühling über in Paris brauchen könnte, packte noch einen Stapel Papier dazu und ein neues Farbband und begab mich mit Capotes >Frühstück bei Tiffany< ins Bett.