Nach dieser ersten Festlegung
der Positionen und Ziele meiner Protagonisten, wurde es Zeit, mich in
meine Figuren hineinzuversetzen und sie sozusagen empathisch zu durchleuchten.
Wie würden die Figuren ihre eigene Geschichte beschreiben?
A. Suzanne Lériaupe:
Geboren wurde ich 1964 in Etampes, einem kleinen
Ort zwischen Paris und Orleans. Mein Vater ist Ingenieur, meine Mutter
Hausfrau seit Menschengedenken. Ich habe eine kleine Schwester, vier Jahre
jünger als ich selbst, was mich damals, als sie geboren wurde, ziemlich
störte, woran ich mich aber schnell gewöhnte.
Vater kam abends erst spät nach Hause, so dass ich von ihm kaum beeinflusst
bin. Maman brachte mich früh dazu, Verantwortung im Haushalt zu übernehmen,
unter anderem auch auf meine Schwester, Vanessa, aufzupassen. Insgesamt
habe ich schnell gelernt, mir Freiräume zu schaffen, so dass Maman, die
ja weitgehend allein für meine Erziehung sorgen musste, wohl häufig überfordert
war. Aber ich brauchte ein Gegengewicht zur verantwortungsgeladenen Enge
meines Zuhauses und schaffte es mir.
In der Schule war ich beliebt, denn ich war ziemlich selbstbewusst, ohne
dabei arrogant zu werden. Wir hingen alle ständig zusammen, gingen ins
Kino, später auch tanzen. Wir, das sind vor allem Marie-Anne, Sandrine
und Paulette, aber häufig auch andere Mädchen, die in unsere Klasse gingen.
Etampes ist nicht groß, irgendwie hingen immer alle miteinander zusammen.
Ich war vielleicht die extravertierteste von ihnen. Meine Noten waren
recht gut, auch wenn ich außerhalb der Schule nicht übermäßig viel tat.
Meine erster große Liebe war Claude. Ich war gerade 15. Er war süß. Ich
lernte ihn auf einer Fete kennen, auf die ihn ein Freund mitgebracht hatte.
Er wohnte in Maisse, etwa 17 km von uns entfernt. Wir trafen uns bald
jeden Tag nach der Schule in einem Cafe. Zuhause ging nicht, weil da Maman
war - und Vanessa. Nein, geschlafen haben wir nicht miteinander. Irgendwie
ist das in der Kleinstadt auch noch etwas anderes als in Paris. Außerdem
war ich zu der Zeit noch ziemlich religiös.
Nein, - lach' nicht. Meine Eltern nahmen mich schon früh mit zu einer
kleinen evangelikalen Gemeinde in der Stadt. Eine Zeit lang habe ich geglaubt,
dort das gefunden zu haben, wonach man sich eben sehnt, wenn man erwachsen
wird. Ideale, Ideen, eine Gemeinschaft mit ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl.
Gott wurde so eine Art Ersatzpapa, der immer da war, mit dem ich reden
konnte, wenn ich traurig war und der Zeit für mich hatte.
Ich habe dann gemerkt, dass es ein riesengroßer Unterschied war, von Gott
zu reden und zu versuchen, diese Ideale zu leben. Die meisten Gemeindeglieder
haben mich diesbezüglich auch schnell enttäuscht. Aber ich konnte diese
Vorstellung nicht aufbringen, dass da plötzlich niemand mehr sein sollte.
Vielleicht war es Angst vor dem Alleinsein, das mich lange hat dabei bleiben
lassen. Gebrochen mit Gott habe ich eigentlich erst auf Korfu, als ...
- Ich konnte nicht begreifen, warum so etwas geschehen konnte. Ich hatte
Gott immer als übergroßes Schutzschild vor mir, der auf mich aufpasste
und mich beschützte. Und damals habe ich begriffen, dass wenn es einen
Gott gibt, er ziemlich machtlos sein muss in dieser Welt.
Warum ich an Gott festhielt, als Claude da war? Naja, Claude war am Nachmittag
da, und manchmal abends, wenn ich mich noch aus dem Haus schmuggeln konnte.
Aber man ist allein, sobald man eine Tür hinter sich zuschließt. Diese
Angst, niemanden zu haben, die kommt schnell. Und Maman war zwar lieb,
aber völlig unselbstständig. Was ich ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit
anvertraute, wusste mein Vater noch am selben Abend, oft auch andere Leute,
mit denen sie sich besprach, den Leuten aus der Gemeinde zum Beispiel.
Deswegen war sie nie eine große Vertraute für mich.
Ja, ich bin dann auf die Uni gegangen, mit 19. Mit Claude war da schon
längst Schluss, irgendeine dumme Eifersuchtsgeschichte, die mir heute
leid tut. Aber Claude war eben eine Jugendromanze, die sich sowieso nicht
hätte in die Zukunft retten lassen. Es musste wohl irgendwann so kommen.
In Paris habe ich dann Sprachen studiert. Deutsch. Englisch. Spanisch.
Ich wollte unbedingt die Welt kennen lernen und hatte die Vorstellung,
so besser an die Menschen heranzukommen.
Zuerst wohnte ich noch zuhause und fuhr jeden Morgen mit der Bahn in die
Stadt. Später nahm ich mir dann ein Zimmer zur Untermiete im fünften Arrondisment
bei einem Professor und seiner Freundin. Nein, nicht von meinem Fachbereich,
dass hätte nichts gebracht.
Wir brachten mit ein paar Studenten eine Fachbereichszeitung heraus. Wir
waren sehr engagiert. Nicht, das ich besonders politisch gewesen wäre
zu jener Zeit, aber da waren doch diese Ideale von Wahrheit, Rechtschaffenheit
und fairem Verhalten, die ich auch am Fachbereich durchsetzten wollte.
Und so waren wir bald die zentralen Personen bei uns, die jeder kannte,
und zu denen jeder kam.
Es war eigentlich eine schöne Zeit. Wir saßen bis tief in die Nacht zusammen
und brüteten unsere Ideen aus, das Zimmer völlig in Zigarettenrauch gehüllt,
neben uns die leeren Bierflaschen und auf dem Tisch die neusten Entwürfe
für die Zeitung, bald auch Reformvorschläge für den Fachbereich.
Dann kam mein einundzwanzigster Geburtstag. Ich wollte mit Julie, meiner
engsten Freundin zusammen nach Griechenland fahren. Sie sprang dann kurz
vor Reisebeginn ab, weil sie sich unsterblich in einen Politologen verliebt
hatte, lieh mir aber ihren Wagen, weil sonst die Fahrt für mich völlig
ins Wasser gefallen wäre. So fuhr ich also allein gen Süden, inspiriert
von Durell's Roman Schwarze Oliven. Ich hatte mir eine kleine gemütliche
Pension vorgestellt und war kreuzunglücklich, als ich auf dem touristenüberfüllten
Korfu ankam. Ich hatte mir alles so nett und urtümlich vorgestellt und
nun wimmelte es von Fremden, die alle Pensionen hoffnungslos überfüllt
hatten. Ich hätte heulen können.
Naja, ich nahm also notwendig ein Hotelzimmer in Roda, alle sehr freundlich,
aber eben nicht das, was ich wollte. Und dann lernte ich Bertrand Larbaud
kennen, einen Boheme ganz eigener Art, der sich in Korakiana niedergelassen
hatte und dort ein kleines Haus hatte, an einem Hang mit Blick aufs Meer.
Korakiane ist ein kleiner Ort, von dem die Touristen nicht viel Notiz
nehmen. Und nachdem ich ein paar mal dort gewesen bin und mich schon völlig
in das Haus und wohl auch ein bisschen in ihn verliebt hatte, lud er mich
dann ein, in seinem Gästezimmer zu wohnen.
Er war so freundlich, so angenehm und unaufdringlich, dass ich nicht lange
überlegt habe, leider. Ich bekam das Gästezimmer und alles lief prima,
aber eines Morgens erwachte ich davon, dass er an mir herumgrabbelte.
Ich gab ihm zu verstehen, dass ich diese Art vollkommen blöd fände und
gern über das Wann und Wie mitentschieden hätte. Da hat er mich vergewaltigt...
Ich bin gleich abgereist und nach Hause gefahren. Bei den Eltern war kein
Trost zu holen: Für sie war klar, dass ich sein Angebot nicht hätte wahrnehmen
dürfen und ihn somit quasi eingeladen hätte, mich zu benutzen. Sie sagten
es nie direkt, aber jeder Blick von Maman schrie es heraus. Die alten
Leute aus der Gemeinde waren zum Teil noch schlimmer: Christen werden
nicht vergewaltigt, wenn und weil sie unter dem Schirm des Allmächtigen
ständen...
Ich bin dann nach Paris gefahren. Die Freundin vom Prof, Marlies, war
lieb. Sie war die erste, die mich einfach in den Arm genommen hat, als
ich ihr alles erzählte. Aber ich brauchte damals verdammt viel Nähe, mehr
als Marlies mir geben konnte. Und Sebastian, der Prof, war irgendwann
sauer, weil sie sich so viel um mich gekümmert hat, und hat sie vor die
Wahl gestellt. Naja.
Die Leute aus der Clique konnten damit auch nicht richtig umgehen. Anfangs
waren sie alle sehr zuvorkommend. Aber nach ein paar Wochen meinten sie,
ich müsse mich doch langsam wieder beruhigen. Bloß, ich würde nicht wieder
normal. Für die Zeitung war ich keine große Stütze mehr, und für die Leute,
die zu mir kamen, weil sie etwas brauchten, fehlte mir ganz einfach die
Kraft.
Deshalb bin ich nach Hamburg gezogen, in der Hoffnung, hier einen neuen
Anfang machen zu können, wo mich keiner kennt und keiner etwas von mir
will. Nachdem ich die Sprachen fertig hatte, habe ich ein zweites Studium
angefangen, weil der Arbeitsmarkt für Übersetzer mehr als dicht ist. Und
jetzt bin ich halt hier und studiere Bibliothekswesen.
Ab und zu unternehme ich etwas mit den Leuten vom Fachbereich, aber meistens
arbeite ich. Mein Zeitplan ist ziemlich eng, denn ich hoffe, dass je besser
ich mich qualifiziere, desto größer die Chancen werden, tatsächlich an
eine interessante Arbeit heranzukommen. Zur Zeit jobbe ich als Sekretärin
bei einem kleinen Unternehmer. So. Bist du nun zufrieden ?
B. Bertrand Larbaud - Biographische Notizen
Geboren am 7. 10. 1953 in Toulouse, dem Haupt
der Haute-Garonne. Eine Industriestadt mit einem Fluss, der Garonne und
einem Kanal, dem Canal du Midi. Wein (Languedoc!) und staatliche Tabakmanufaktur
(Gauloises!), katholische Hochschule. Was mich von all dem am meisten
beeinflusst hat, kann ich nicht sagen, die Hochschule sicher nicht.
Dem Wein und den Zigaretten bin ich treu geblieben und an manchen Tagen
vermisse ich den Kanal ein wenig. Toulouse ist trist und in bestimmten
Vierteln von Toulouse aufzuwachsen keine Freude.
Vater war Beamter in der Stadtverwaltung, Mutter Erzieherin. Sie erzogen
streng, aber das war normal für uns. Wir waren vier Kinder, alle im Abstand
von ungefähr einem Jahr auf die Welt bekommen, bis Justine, meine Mutter
keine Lust mehr hatte und sich meinem Vater kategorisch verweigerte, was
er an uns ausließ. Er hatte vor allem seinen Ruf und die Nachbarn im Kopf.
Die Mädchen, Angelique und Beatrice mussten Klavier lernen, Jean-Baptiste
und ich wurden in den katholischen Sportverein gejagt. Später dann Kommunionsunterricht
und Kommunion bei einem strengen Pater, der, was Recht und Ordnung anging,
ähnliche Erziehungsmethoden benutze wie mein Vater. Vielleicht verstanden
die beiden sich deshalb so gut.
Ich war der Älteste des Kleeblatts und hatte deshalb die besondere Aufgabe,
die drei anderen im Zaum zu halten, was die zuhause mit Geduld und Augenzwinkern
über sich ergehen ließen, auf der Straße aber nur unter Prügelandrohung
und etlichen Keilereien akzeptierten. Darin standen übrigens Angelique
und Bea in nichts nach. In Toulouse lernt man bald, sich zur Wehr zu setzen,
wenn man in der Schule und im Verein ernst genommen werden will.
Ich habe damals viel gelesen, Stevenson und Dickens, später auf dem Gymnasium
habe ich dann die Alten entdeckt, Vergil und Dante, die Chansons der
Bilitis und Boccachio, Villon, Bruant... Ich habe gemerkt, dass es
da noch eine andere Welt geben muss. Zusammen mit Paul, einem Schulfreund
aus jener Zeit habe ich die Antiquariate durchstöbert. Wir haben uns Nachmittage
lang aus unseren neusten Funden vorgelesen.
Wir haben davon geträumt, wie Bruant ein Cabaret aufzumachen und eigene
Lieder zum Besten zu geben. Wir wollten ein Podium werden für all die
Liedermacher und Chansoniers, die uns damals faszinierten. Paul kaufte
sich von unseren Ersparnissen eine Gitarre und ich fing an, Lieder zu
schreiben, die wir gemeinsam vertonten. Es ist nie mehr dabei herausgekommen
als ein paar Auftritten bei Schulveranstaltungen, bei denen auch Beatrice
am Klavier Chopin vergewaltigte und das Schulorchester halbherzig die
Marseillaise intonierte.
Dann kam die Zeit, wo ich Camus und Sartre entdeckte, ich ging damals
schon auf die Universität, wo ich nacheinander Philosophie, Literatur
und Kunst abbrach. Als es meinen Eltern zu dumm wurde, fing ich bei meinem
alten Freund, dem Antiquar an zu arbeiten. Außerdem schrieb ich für unser
Lokalblatt das Feuilleton, ein Job, der nicht schwer war, es war nie viel
los kulturell gesehen.
Damals fing ich an, Henry Miller zu verschlingen. Dabei sah es mit meinem
eigenen Liebesleben eher traurig aus. Ich hatte ab und zu ein Mädchen,
aber sie lebten alle zu sehr in ihrer kleinen Welt von Toulouse, als dass
ich es bei einer länger ausgehalten hätte. Über Miller kam ich auch auf
Lawrence und Korfu, wo ich bald jeden Urlaub verbrachte. Die Leute gefielen
mir mit ihrer einfachen Freundlichkeit. Als ich dann die Gelegenheit hatte,
mir ein altes halbverfallenes Häuschen in Korakiane zu kaufen und zu restaurieren,
habe ich nicht lange gezögert.
Schreiben konnte ich auch da, für den Avghi, eine kleine kommunistische
Zeitung. Ich hatte eines Abends zwei Mitarbeiter in einer Taverne kennen
gelernt. Ich habe ihnen von Sartre vorgeschwärmt und sie mir mit Solomos
gekontert. Wir verstanden uns auf Anhieb. Das Gehalt beim Avghi
ist nicht üppig, aber es reicht zum Leben.
C. Stephan Gimat - Biographische Notizen
Ich weiß nicht genau, was
meinen Vater, einen Ingenieur mit genügend Verstand, um sich ein hübsches
Haus im Grünen leisten zu können, und meine Mutter, die von einer Haushaltshilfe
zur Verkäuferin aufgestiegen war, dazu brachten, mich am 18. Februar 1963,
am Tag der Sturmflut, in Hamburg auf die Welt zu bringen.
Vater hatte einen
lukrativen Posten bei einer Hamburger Firma und eigentlich alles, was
er brauchte, vielleicht auch ohne mich schon ein bisschen zu viel davon,
denn meine Mutter mag eine liebenswerte Frau sein, - zu ihm passte sie
wie eine Trompete zu einem Meditationslehrer.
Ich war bereits die zweite
Unbesonnenheit diesbezüglich, bereits ein Jahrzehnt zuvor muss es einen
sexuellen Kontakt zwischen beiden gegeben haben, der zumindest ihm ein
gewisses Vergnügen bereitet hatte. Meine Schwester, Gabi, war nicht unbedingt
ein Wunschkind, wie ich später erfuhr. Sie sorgte aber dafür, dass meine
eigene Erziehung recht reibungslos verlief: es kann wohl keinen Schock
geben, an den meine Eltern nicht mittlerweile gewohnt waren. Sie war nicht
eigentlich aufsässig, es lag einfach an dieser Zeit, in der Kinder mit
etwas anderen Anschauungen aufwuchsen als ihre Vorgängergeneration.
Zur Schule ging
ich aus innerer Überzeugung, jedenfalls am ersten Tag. An jenem Nachmittag
überdachte ich meine Haltung und kam zu dem Schluss, dass mir diese Institution
nicht wesentlich würde weiterhelfen können, um mich aufs Leben vorzubereiten.
Meine Mutter war da anderer Ansicht und so verbrachte sie einen guten
Teil der nächsten dreizehn Jahre damit, sowohl mich als auch meine jeweiligen
Lehrer davon zu überzeugen, dass ich eigentlich ein ganz pfiffiges Bürschchen
sei. Manchmal kam mir der Verdacht, dass sie insgesamt mehr für mein Abitur
getan hat als ich.
Ich begann Philosophie
zu studieren, weil ich das für das einzige Fach hielt, von dem sie nichts
zu verstehen glaubte. Vielleicht kam auch schon damals mein Hang zur Schreibmaschine
durch, eine Liebe, die sich im Laufe der nächsten Jahre mit einer ebenso
großen Liebe zum Kino vereinte. Zu diesem Zweck war es sinnvoller, von
zuhause auszuziehen, denn es erwies sich als schwierig, meinen Eltern
begreiflich zu machen, dass für ein Philosophiestudium die profunde Kenntnis
der kinematographischen Entwicklungen unerlässlich sei.
Mein Absprung gelang,
jedenfalls teilweise. Es gibt psychologische Bänder, die man auch dann
nicht zerreißt, wenn man dies als einzig sinnvolle Möglichkeit zur Selbstentwicklung
längst erkannt hat. Dieses Band, das mich am Elternhaus trotz aller Widrigkeiten
festhalten ließ, hieß Geld. Nicht, dass ich mir etwas daraus gemacht hätte,
aber zu viele Leute um mich herum taten es. Da waren Vermieter, Lebensmittelhändler
und nicht zuletzt all die Kinokassierer Hamburgs, die ich mittlerweile
namentlich kannte.
Mein Spezialgebiet war
der französische Film und hätte ich mein Examen in diesem Fachgebiet machen
können, hätte ich vielleicht schon vor dem sechzehnten Semester auf der
Straße gesessen. So verschob sich mein Studienplan ein wenig. Ich beschloss,
das Beste aus der Situation zu machen und konzipierte meine Examensarbeit
zu Walter Benjamins Schrift "Über Haschisch", das vielleicht nicht sein
zentrales Werk war, dank des allgemein anerkannten Rufs des Autoren aber
auch nicht vom Professor abgelehnt werden konnte.
Was habe ich in diesem
Studium gelernt? Nie eine Frage direkt zu beantworten, wenn sie sich nicht
auch mit einer Gegenfrage beantworten ließe; mich nie definitiv festzulegen;
und vor allem, gerade dann, wenn ich auf den Tod nicht mehr weiß, wovon
ich spreche, meine Ansätze zu systematisieren, kategorisieren und so vom
Hundertsten ins Tausendste zu springen, immer in der Hoffnung, irgendwann
dabei ein Themengebiet zu streifen, dass ich wieder beherrsche. Mit einem
Wort, ich lernte die Hohe Kunst der gebildeten Konversation.
Der andere Effekt
meines Studiums war mehr äußerer Natur. Ich lernte, dass ein Philosoph
so ziemlich die einzige Person ist, die in der Öffentlichkeit herumlaufen
darf wie ein Landstreicher, ohne dabei das Missfallen der Öffentlichkeit
zu erregen, als einziges Requisit eine Pfeife benötigend, die vor allem
dann, wenn einem nichts mehr zu sagen einfällt, als äußerst hilfreiches
Instrument zur Verfügung steht. Wer kann schon Tiefsinniges von sich geben,
während er versucht, seine Pfeife neu zu entzünden.
Es war Woody
Allen, der mich auf die Idee brachte, mein Geld durch das Schreiben von
Filmromanen zu verdienen: wenn ich mich nicht irre, war es im "Stadtneurotiker",
in dem Annie Hall den wertvollen Hinweis gab, dass auf diese Art schnell
und einfach Geld zu machen sei. Was sie nicht sagte, war, dass die Verlage
irrsinnige Vorstellungen davon haben, bis wann so ein Skript abzuliefern
sei.
Ich machte die schmerzliche
Erfahrung, als ich von einem für dieses Metier berüchtigten Verlag den
Hinweis erhielt, dass sie mein Skript bis spätestens eine Woche vor
Filmstart zur Korrektur haben wollten, und das nachdem ich zehn Tage,
fast ohne meine Arbeit durch Schlaf oder ähnliche Luxusgüter zu unterbrechen,
das Buch zu einem gerade angelaufenen Film ablieferte, der sich zum Kassenschlager
der Saison auszumachen schien.
Die Lektorin, die mich
mitten in der Nacht aus meinem wohlverdient nachgeholten Schlaf klingelte
und am Telefon zur Verzweiflung brachte, machte mir den Vorschlag, zum
Schreiben nach Frankreich zu gehen, um dadurch die Möglichkeit zu haben,
die deutschen Manuskripte abzuliefern, bevor hier die Synchronisationsarbeiten
beendet wären.
Man kann also sagen,
dass mich ein frischer Wind gen Frankreich, zurück in die Heimat meiner
männlichen Vorfahren, trieb, unterstützt durch meinen skeptischen, doch
hoffnungsfrohen Vater, der sämtliche alte Bekannte mobilisierte, um mich
aus seiner Nähe und seinem Geldbeutel zu eliminieren. Es war dann folgerichtig
ein alter Jugendfreund von ihm, der mir in Paris eine billige Bleibe zur
Untermiete besorgte. So begann mein Start in die Unabhängigkeit. Es dauerte
noch ein Jahr, 142 Filme und sieben tatsächlich angenommene Manuskripte
unter den blödsinnigsten Pseudonymen, bis ich mir meine eigene Wohnung
am Montmartre leisten konnte.
Nebenbei arbeitete ich
für etliche Filmzeitschriften, mit denen ich kontaktiert hatte und die
mir den Zugang zu etlichen Previewen sicherten und nebenbei für das einzig
verlässliche Einkommen in jener Zeit sorgten.
Ich brauche nicht weiter
zu erwähnen, dass mein Reservoir an sozialen Kontakten damals ein wenig
unter meiner Beschäftigung litt. Mein bester Freund wurde Réné, der Barmann
an der Eckkneipe, die ich immer dann besuchte, wenn mir weder nach Zelluloid
noch nach Reiseschreibmaschine zumute war. Nicht, dass ich wie einige
meiner erfahreneren Kollegen zum Alkoholiker geworden wäre. Mein Vorbild
orientierte sich an Raymond Chandler, der, soweit ich weiß, fast ohne
einen Tropfen auskam, - außer vielleicht montags bis sonntags.
Wenn ich es mir recht
überlege, ging alles verteufelt glatt bis zu diesem Zeitpunkt. Das war
nicht unbedingt mein Verdienst, denn ich stand bis vor einem Jahr noch
unter der nahezu omnipotenten Protektion meiner Gebährer, so dass ich
genügend Energien zur Verfügung hatte, um meinen eigenen Start in die
Bohème abzusichern. Alles in allem war es Zeit für den ersten großen Einbruch
in meinem Leben. Also verliebte ich mich in Suzanne
Ein letzter Trick vor dem
eigentlichen Beginn des Romans: Der Autor sollte sich klar machen, in
welcher Stimmung sich der Protagonist befindet, wenn die Handlung beginnt.
Was ist also geschehen am Tag, in der Woche, bevor die Handlung einsetzt.
Wie lebt der Protagonist sein Leben? Was ficht ihn an? Wie gestaltet er
seinen Alltag?
Im Roman selbst hat all das nichts zu suchen, denn der Leser will in die
Spannung mit hineingenommen werden, nicht in den Kleinkram, der den Alltag
ausmacht. Für den Autoren ist diese Übung aber notwendig, weil es ihm
vieles klären hilft, was dem Roman seine Tiefe gibt. Im Fall des "Dritten
Prinzips" sieht die Vorgeschichte etwa so aus (hier noch in der frühen
ersten Erzählperson):
Die Vorgeschichte
Freitagnachmittag. Ich
habe die letzten Seiten der letzten Fassung einer wilden Story um Sophie
Marceau in die Maschine getippt. Jetzt ist erst einmal Ruhe, bis ich vom
Verlag die Korrekturbögen wiederbekomme. Das heißt, wenn die Geschichte
überhaupt genommen wird, wenn sich ein deutscher Filmverlag um die Verleihrechte
bewirbt und der Film tatsächlich in die Kinos kommt. Was nutzt das beste
Skript, wenn zu viele andere gute Filme den Markt überschwemmen und "meiner"
dabei hinten runter fällt.
Wieder war ein Filmbuch fertig und
mir blieb nur, einen netten Begleitbrief an meinen Verleger zu tippen
mit Bitte um freundliche Stellungnahme und die dazugehörigen Vertragspapiere.
Als auch das erledigt war, stand ich etwas ratlos in meiner Wohnung. Ich
ging zu meinem Plattenstapel und wühlte ein wenig darin herum, ohne mich
doch recht für irgendeine Aufnahme entscheiden zu können. Dann ging ich
zum Telefon und rief ein paar alte Freunde an, die mir trotz meines vollen
Arbeitsplans noch die Stange hielten: Jan, mit dem ich mich für den Samstagabend
verabredete, und Edmund, der am Sonntagnachmittag vorbeikommen wollte.
Dann mußte ich mich noch
bei der Mitfahrzentrale um einen Beifahrer bemühen. Ich bekam eine Telefonnummer
und hatte dann eine junge Französin am Apparat, mit der ich mich für Montagmorgen
am Bahnhof Altona verabredete.
Ich beschloss, an die Elbe
zu gehen, um meinem Drang nach Motorik nachzukommen und meine restlichen
Energien zu verbraten. Oft hilft mir so ein ausgedehnter Vier-Stunden-Spaziergang,
um von der Arbeit abzuschalten und für etwas Neues frei zu werden. Ich
ging also runter nach Övelgönne und versenkte mich in das gleichmäßige
Plätschern der Wellen an den Elbstrand. Es tat mir gut, mich von diesem
gleichmäßigen Geräusch einlullen zu lassen. Der für hamburgische Verhältnisse
normale kühle Wind wehte mir entgegen und stemmte sich gegen mich. Ich
genoss ihn, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.
Langsam schlenderte ich die
Elbe abwärts bis zum Fähranleger Teufelsbrück, ging dann in den Jenisch-Park,
einen alten Elbniederungenpark, der im vorigen Jahrhundert nach englischen
Vorbildern angelegt war, hinauf zum Bahnhof Klein-Flottbek und fuhr von
dort zurück nach Altona. Zuhause machte ich mir einen starken Pharisäer,
was ich so ziemlich immer tue, wenn ich mich nach einem langen Spaziergang
wieder aufwärmen will. Ich fühlte mich rundum wohl. Um vollends zu relaxen,
legte ich noch die c-moll-Sinfonie von Brahms auf den Plattenteller und
tauchte in die melancholischen Bilder des Adagio-Allegro.
Nun war ich reif, meinen Abend zu
planen. Ich schaute in den Stadtkalender, fand aber nichts, was mich wirklich
gereizt hätte. Also beschloss ich, einen Abend vor dem Video-Gerät zu
verbringen. Nach einem kurzen Blick nach innen, der mir sagen sollte,
auf welchen Film ich Lust hätte, entschied ich mich für einen alten Claude
Miller, den zu sehen ich bis dato nicht gekommen war. Ich rief also nacheinander
sämtliche Videotheken Hamburgs an, bis ich in Eppendorf eine fand, die
den Film tatsächlich hatte und fuhr hinüber...
Samstag schlief ich aus,
was bei mir etwa halb eins bedeutet. Ich ging schnell noch etwas einkaufen,
um nicht das Wochenende ohne Lebensmittel dazustehen. Der Nachmittag ging
dann für das Herstellen einer Lasagne drauf. Meine Lasagnen sind weltberühmt,
da ich mich nicht damit begnüge, wirklich alles von den Nudeln bis zu
den verschiedenen Soßen herzustellen, sondern die Zusammenstellung der
einzelnen Ingredienzen so perfektioniert habe, dass damit einfach keine
Restaurantversion mithalten kann. Aber das dauert eben seine Zeit, so
dass ich erst fertig mit den Vorbereitungen war, als Jan vor der Tür stand.
Wir aßen uns dick und rund,
was heißt, wir aßen die ganze Form leer, die normalerweise auch vier Leute
gut ernähren würde. Für mich das einzig gültige Kompliment, was meine
Kochkünste angeht. Es folgte ein langer Abend bei Rotwein und Backgammon,
der in eine lange Nacht mündete. Gegen vier Uhr morgens, als die Weinvorräte
gelehrt und unser Punktestand die Tausendergrenze erreicht hatte, beschlossen
wir, für heute Schluss zu machen und ich versprach, mich zu melden, sobald
ich wiedvr in Hamburg sei.
Der Sonntag verging ebenso
geruhsam. Nach dem späten Aufstehen suchte ich mir aus dem Stadtkalender
einen Flohmarkt in der Nähe und schlenderte zwei Stunden zwischen den
Ständen herum, auf der Suche nach interessanter Lektüre oder anderen Dingen,
die ich spontan für besitzenswert hielt. Ich erstand auf diese Art eine
weitere Pfeife, eine Elfer Bruyere, die gut in der Hand lag.
Eddy war hektisch wie immer.
Wir gingen gemeinsam zum Bahnhof, denn er ist Eisenbahnfetischist. Ich
wollte auf diese Art mein Fachterminologierepertoire erweitern, denn die
Eisenbahn ist ein beliebter Handlungsort für Filme. So lernte ich die
einzelnen Arten von Hochspannungsleitungen zu benennen, den Kästen, denen
ich bis dahin kaum Bedeutung zugemessen hatte, Namen zu geben.
Den Abend brauchte ich zum Packen,
denn ich wollte am Montag in aller Frühe losfahren. So suchte ich mir
den Kram zusammen, den man den Frühling über in Paris brauchen könnte,
packte noch einen Stapel Papier dazu und ein neues Farbband und begab
mich mit Capotes >Frühstück bei Tiffany< ins Bett.